Abschied tut nicht immer weh

Wie komme ich darauf? Ich habe beschlossen, mich vorzeitig pensionieren zu lassen, mich von der Arbeitswelt zu verabschieden. Somit ist dies auch der letzte Blogbeitrag für Caritas.

Mehr Vertrauen in den Menschen

Ein paar Gedanken möchte ich an die 48 Jahre Arbeit verschwenden. Das Berufsumfeld war lockerer und langsamer als heute. Die Schreibmaschinen waren mechanisch, ebenfalls die Rechenmaschinen. Erst später kamen elektrische Schreibmaschinen und noch später die Computer. Ich habe also den Weg von Mechanik zu Elektronik miterlebt.

Bei meinem damaligen Arbeitgeber – einer Bank – haben wir viele wichtige Eintragungen mit Tinte vorgenommen. Wir hatten noch eine Telefonzentrale mit Telefonistinnen. Und Banken arbeiteten mit Anstand und Verantwortung. Dies ging meiner Ansicht nach verloren, nachdem Ende der 80er Jahre der sogenannte «Shareholder Value» eingeführt wurde. Darum kündigte ich Mitte der 90er Jahre. Ich wollte die Verantwortungslosigkeit nicht mehr mittragen. Und Kollegen meinten später: Du hast den richtigen Zeitpunkt erwischt.

Ich glaube, Firmen hatten früher mehr Vertrauen in die Menschen. Wie wäre ich wohl sonst mit 23 Jahren «Junior Product Manager» bei Lindt und Sprüngli geworden ohne eine entsprechende Ausbildung?

Ein gutes Gefühl

Ich habe das Glück, niemandem dankbar sein zu müssen. Ich wäre aber gerne einmal dankbar gewesen. Dann nämlich, als ich in einer Notlage das Sozialamt aufsuchte und um Hilfe bat. Leider habe ich sie nicht erhalten.

Denn schlussendlich arbeiten alle Ämter nach demselben Prinzip: Jeder und jede muss sich selbst aus dem Sumpf ziehen. Gesagt, getan. Während einer kurzen Arbeitslosenzeit konnte ich nicht auf Unterstützung hoffen. Meine Arbeitsstellen habe ich selber gefunden. Rückblickend ist es ein gutes Gefühl, niemandem Dankbarkeit zu schulden.

Akzeptanz für andere Menschen

Mir scheint, die Schweiz ist das falsche Land für Menschen, die nicht bestimmten Pfaden folgen, die nicht mit dem Strom schwimmen, die ein wenig anders denken. Diesen Personen werden zu viele Steine in den Weg gelegt. Mein Wunsch wäre deshalb, dass selbständig Erwerbende – aber nicht nur sie – von der Politik und Einrichtungen wie dem Sozialamt nicht im Stich gelassen würden.

Caritas setzt sich ein für Menschen wie mich, Menschen, die nicht auf Rosen gebettet sind. Gerade deshalb braucht es in der heutigen Zeit Institutionen wie die Caritas. Ich freute mich, waren meine Meinungen für den Blog gefragt.

Nun bricht eine neue Zeit für mich an. Interessanterweise wird es mir nach meiner Pensionierung besser gehen als während meiner letzten zehn Jahre als selbständig Erwerbstätiger. Denn zum einen werde ich nicht mehr jeden Tag von Neuem um meine Existenz kämpfen müssen, dies ist eine grosse psychische Entlastung. Zum anderen bin ich es gewohnt, mit wenig Geld zu leben. Finanziell werde ich mich mit meiner Rente gut arrangieren können.

(Bild: © Fotolia/Kalle Kolodziej)

ähnliche Artikel

Keine Kommentare

Rückmeldung hinterlassen