Advent – und dann das dicke Ende

Zisch, Brutzel, Speuz! So machte es, kurz nach der glitzernden Lichterketteneröffnung an der Bahnhofstrasse. Nach den ganzen Aaaahs und Oooohhs war‘s dann auch gleich wieder vorbei mit dem Glanz – ganz nach meinem Geschmack.

Denn genau so geht‘s mir schon seit Jahren. Kaum durchgestartet, in jahrelanger Vorbereitung… «schwupps» war‘s das schon. Man fragte sich, was denn Schuld daran war, woran es denn gelegen habe. Spekulationen ergriffen die kalt erwischte Runde. Die Cüplis gefroren noch im Schwung. Die feingliedrigen Hände versteckten sich husch in den massgeschneiderten Anzügen.

«Typisch», dachte ich. «Das musste ja wieder so kommen. Einmal im Leben, einmal nimmst du dir Zeit, um dir dieses Spektakel zu Gemüte zu führen. Organisierst extra einen Aufpasser für zu Hause. Nimmst die gewagtesten Abkürzungen durch die engen Gassen. Nur um jaaa rechtzeitig da zu sein. Und dann, noch komplett ausser Puste und bereits in alten Erinnerungen schwelgend, also genau dann, schmürzeln die Sicherungen durch.»

Muff und gleichzeitig erheitert über diese einfallsreiche Zufallsdarbietung schlenderte ich gedankenvoll, den Massen ausweichend, immer weiter. Wie war das noch, damals? Als ich nach getaner Arbeit aus dem Büro stapfte und verdutzt die blinkenden Röhren zur Kenntnis nahm? Leicht genervt versuchte das nächstbeste Tram zu erobern? Damals hatte ich keine Zeit für diese Komik. Die Einkäufe erledigte ich noch kurz vor Ladenschluss, schleppte diese mit, um total erschöpft zu Hause ins Sofa zu fallen, um mich nach Stunden zu fragen, was ich jetzt eigentlich im TV geschaut hatte.

Heute besitze ich etwas, was mir andere leidenschaftlich gern abschwatzen würden. Ich habe Zeit! Zeit bis zum Umfallen. Und gefallen bin ich seither viel, denn danach kamen die Jahre des Vergessens. Ich konnte mir nichts mehr merken. Konnte überhaupt nichts mehr…. Zisch, Brutzel, Speuz … Die Jahreszeiten flogen am Fenster vorbei. Genau so rasch schmolz das Gesparte und implodierte in sich zusammen. Hatte meine Privat-Agenda früher noch erheiternde Termine wie «Zirkus», «Konzertbesuch» oder noch besser «FERIEN IN…», brauche ich jetzt weder eine Agenda fürs Geschäft noch eine fürs Private. Die Ärzte, Therapeuten und Berater sind so freundlich und notieren mir aus Erfahrung die Termine auf die kleinen Zettel, welche ich zu Hause an einem stillen Örtchen aufspiesse. Von der Apotheke erhalte ich zuverlässig Informationsschreiben, dass bald meine Bescheinigung für den Dauerbezug von Medikament X oder Wässerchen Y abläuft. Versicherungen, Gebühren, Zu- und Absprachen fliessen einem zu. Weihnachtseinkäufe beschränken sich meist nur noch auf das Betrachten der Schaufenster. Und, war da noch was?

Irgendetwas Dickes, Mächtiges, unsagbar Gewaltiges, was jedes Jahr zu Advent kommt! Tagelang studierte ich am dicken Ende herum. Himmel ja, Harrika! Die Steuern! Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Also klappe ich mein Relikt aus besseren Zeiten hoch, lade die Datei von der kantonalen Steuerbehörde runter und «schwupps»… Zisch, Brutzel, Speuz… Einmal mehr.

 

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