Arbeit muss sich lohnen

«Lohndruck und ungerechte Verteilung» ist der Titel einer Studie, die der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) kürzlich veröffentlicht hat. Sie zeigt eindrücklich, wie viele Menschen in der Schweiz mit einem sogenannten Tieflohn auskommen müssen.

Was ist eigentlich ein Tieflohn? So werden Einkommen bezeichnet, die weniger als zwei Drittel des mittleren Lohnes betragen. In der Schweiz liegt die Grenze bei 3‘986 Franken pro Monat für eine 40-Stunden Woche. Wer also 100% arbeitet und weniger als 3‘986 Franken verdient, erhält gemäss Definition einen Tieflohn. Das trifft auf 437‘000 Personen, beziehungsweise 12% der Erwerbstätigen zu. Die Analyse zeigt, dass Frauen überdurchschnittlich oft nur einen Tieflohn verdienen. Und dies, obwohl viele von ihnen erfolgreich eine Lehre absolviert haben. Die Gründe dafür sind vielfältig: Einerseits arbeiten Frauen oft in Branchen, die bekannt sind für ihre tiefen Löhne, wie zum Beispiel im Detailhandel oder im Gastgewerbe. Andererseits gibt es in der Schweiz immer noch eine beträchtliche Lohnungleichheit zwischen den Geschlechtern.

Wenn die Mieten stärker steigen als der Lohn
Neben den tiefen Löhnen bereiten die steigenden Mieten Sorgen. Die Studie des SGB zeigt, wie die Mieten in den letzten Jahren viel stärker gestiegen sind als die Löhne. Dies führt dazu, dass die Mietbelastung auf die Haushaltsbudgets zunehmend grösser wird – was mir bekannt vorkommt. Für meine Recherchen zur Wohnsituation Armutsbetroffener im Kanton Zürich war ich vor einigen Wochen in unserer Flickstube in Bülach zu Besuch. Gleich drei der vier anwesenden Frauen erzählten mir, dass ihre Mieten aufgrund von Rennovationen um 200 bis 400 Franken angestiegen sind. Das ist vor allem für kleine Budgets sehr viel Geld. Die drei Frauen haben sich alle nach neuen Wohnungen umgeschaut, doch die Suche blieb ergebnislos. Günstiger Wohnraum ist auch in Bülach rar.

Aufwertung führt zu Abhängigkeit
Momentan finden im ganzen Kanton unzählige Aufwertungsarbeiten und Ersatzneubauten statt. Die daraus folgenden Mieterhöhungen sind überall ein Thema und treffen jene Leute hart, die einen kleinen Lohn verdienen. Da günstiger Wohnraum schwer zu finden ist, sehen sich Betroffene oft gezwungen, Mietzinserhöhungen in Kauf zu nehmen und dafür in anderen Lebensbereichen Abstriche zu machen. Wenn dies aber nicht möglich ist, drohen Verschuldung oder Abhängigkeit von der Sozialhilfe.

Was gibt’s zu tun?
Ein anständiger Lohn ist die Grundlage für ein würdiges Leben. Es darf nicht sein, dass trotz Vollzeiterwerbsarbeit ein Leben in Armut und Prekarität droht: Arbeit muss sich lohnen. Auf der anderen Seite ist es wichtig, dass mehr günstiger Wohnraum gebaut wird. Obwohl die Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum riesig ist, werden vor allem grossflächige Wohnungen mit einem hohen Ausbaustandard gebaut, welche dann auch entsprechend teuer sind. Angebot und Nachfrage stimmen nicht überein, der Markt versagt. Die Politik auf Gemeinde- und Kantonsebene ist deshalb aufgefordert, aktiv den Bau von günstigem Wohnraum zu fördern.

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