leere tassen am stammtisch

Stammtisch-Philosophen

Neulich traf ich mich mit einem Bekannten mit wissenshungrigem Interesse im Pöstli und liess mich auf einen Kafi einladen.

Warum lebst Du in Armut?

Er kann einfach nicht verstehen, dass jemand wie ich — jung, gebildet, gutaussehend (naja, das war jetzt von mir!) — einfach keinen Job findet und noch schlimmer… in Armut lebt!
Es passierte einfach (Krankheit-Scheidung-Jobverlust). So, wie andere zum Friseur gehen und nicht mit der Friese hinauskommen, welche Sie gemeint hatten. Zum gefühlten 100-sten Mal versuchte ich mich in Selbsterklärung. Er fragte – ich antwortete, bis Susi hinter dem Tresen hervorkam. Susi meinte, dass ich ja noch Glück habe, dass ich in der Schweiz arm bin! Da hätte ich nach allem noch immer die Sozialhilfe und «wenigstens händ Sie es Dach über em Kopf». Lassen wir mal beiseite, dass ich diese Hilfe nicht bekomme.

Die in Afrika

Zwischenzeitlich kam Heini vom Nachbarstisch von der Toilette zurück. Er ist Sozialarbeiter, ich sag ihm Slumtourist. Er hat schon Elend in den Slums von Afrika gesehen (wooo-aaaw!), als er dort «gearbeitet» hat (ahaaa). Also richtiges Elend – nicht so wie hier! Und es gibt auch in der Schweiz Arme, die wollen gar keine Hilfe! Drögis zum Beispiel. (Ja danke!)

Weltkarte schwarz schraffiert, Schriftzug "Wo ist Armut erlaubt?"

Selber Schuld!

Wieso muss ich als Armutsbetroffene, ständig mit einem Schälchen Asche herumlaufen, um mir diese im Sinne von «mea culpa» aufs Haupt streuen zu lassen? Sofort wird man zerrissen, von den Nicht-Betroffenen! Es wird gesucht und gefunden, das graue Haar im zottig gewordenen Fell! Es wird mit Statistiken und Selbsterfahrungstrips geworfen.

Problem mit Gott

Ganz schlimm auch die Gläubigenfraktion. Denn immer muss man auch noch dankbar sein! Dankbar für ein Schicksal, welches man selber nicht so gewählt hätte, hätte man eine Chance gehabt. Alles wird einem als Makel angesehen. Und alles wird einem neidig aberkannt! (Wieso hat die überhaupt noch einen Hund?) Zudem hab ich kein Problem mit Gott, sondern mehr mit der Willensfreiheit irdischer Dinge.
Einzig ganz hinten in der Ecke, halb im Schatten sitzend, lächelte mir eine Mutter beim Hinausgehen zu. Eine, welche sich mit ihrem jungen Sohn einen Teller Pommes teilte. Es war das mystische Lächeln einer Mitwissenden.

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