Weshalb brauchen Kinder einen Götti?

Das Patenschaftsprojekt «mit mir» vermittelt Gotten und Göttis an Kinder aus belastenden Familiensituationen. 80 Patenschaften sind es im Kanton Zürich. Seid und Peter erzählen, weshalb sie zusammen Zeit verbringen.

Seids Perspektive:
Mit einem Götti kannst du sehr viele tolle Sachen machen. Man kann zum Beispiel zusammen Ausflüge machen, spielen, kochen, backen und er kann dir bei deinen Hausaufgaben helfen. Einmal war Peter an einem Nachmittag bei mir in der Schule und hat sich vorgestellt. Er hat uns etwas über seinen Beruf erzählt und wir durften Fragen stellen. Dann gingen wir nach draussen und haben Fotos vom Schulhaus und vom Sportplatz geschossen. Es hat allen sehr viel Spass gemacht, weil wir keine Schule hatten sondern Fotos gemacht haben. Im Internet haben wir zusammen für wenig Geld eine Carrera-Bahn ersteigert. Damit spielen wir sehr oft und es macht Spass, weil man immer wieder neue Rennstrecken bauen kann.

Peter war an einem Samstag bei einem Fussball-Match von mir. Er hat mich und drei andere Freunde mit dem Mobility-Auto gefahren. Unser Fussball-Match war in Regensdorf. Es war sehr kalt und leider haben wir verloren – aber dafür waren wir danach noch im McDonalds. Das war cool. Wir haben auch noch Monopoly gespielt – mit meinen zwei Schwestern. Leider haben meine Schwestern gewonnen und Peter und ich haben verloren, weil wir kein Geld mehr hatten und die Miete nicht mehr bezahlen konnten.

Peters Perspektive:
Die Entscheidung, mich bei «mit mir» als Götti zu melden, war ehrlich gesagt nicht ganz uneigennützig. Natürlich spielte der Wunsch, Gutes zu tun, eine wichtige Rolle. Aber Gutes tun kann man auf unendlich viele verschiedene Weisen. Weshalb Götti werden? Warum nicht Geld spenden? Oder den Wald aufforsten? Oder im Tierheim arbeiten? Ich dachte mir, dass «Götti sein» mir selber auch viel bringen könnte. Ich kannte Seid damals noch nicht und hatte keine Ahnung , was auf mich zukommt. Aber ich wusste, dass ich mich gerne mit Kindern und Jugendlichen beschäftige, und dass ich genug Freizeit habe, um einige Stunden pro Monat in dieses Projekt zu investieren. Ich dachte einfach «Hey, das könnte Spass machen». Und ich hatte recht: Es macht enorm viel Spass.

Manchmal frage ich mich, wer von uns beiden wohl mehr von dem Projekt profitiert – Seid oder ich? Es ist definitiv eine Win-win-Situation: Seid kann durch mich neue Perspektiven entdecken und eine andere Welt kennen lernen, genauso wie ich durch ihn. Es ist faszinierend, wie ein Kind – auch wenn es nicht das Eigene ist – einem eine völlig neue Sicht auf die Welt und auf das eigene Umfeld ermöglicht. Plötzlich erscheinen alltägliche Dinge und Probleme in einem komplett anderen Licht.

Wir beide mussten lernen, miteinander zu kommunizieren, geduldig und tolerant zu sein und einander zu vertrauen. Ich selber habe noch keine Kinder und vieles war neu. Dadurch bleibt es spannend, weil sich die Beziehung stetig weiter entwickelt und man dazulernt. Aus meiner Sicht könnte die Frage also genau so gut lauten «Weshalb brauchen Erwachsene ein Patenkind?» Vermutlich gibt es auf beiden Seiten ungefähr gleich viele Gründe, weshalb der eine den anderen braucht.

Ich bin zwar noch nicht einmal ein ganzes Jahr mit dabei – und es war auch nicht immer ganz einfach, ich möchte da nichts schönreden: meine Geduld wurde oft auch ordentlich strapaziert – aber trotzdem möchte ich keine Sekunde davon missen und ich bin überzeugt, dass die Entscheidung, bei «mit mir» mitzumachen, eine der Besten war, die ich in den letzten Jahren getroffen habe.

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