Eine zweite Chance auf Bildung

Werner P. hat es an zwei Ausbildungsplätzen nicht ausgehalten: Der erste Lehrmeister langweilte ihn mit den immergleichen Aufgaben. In der Schule war er überfordert. Im zweiten Lehrbetrieb fiel er negativ auf, weil er unausgeruht zur Arbeit erschien. Sein neuer Kollegenkreis übte einen schlechten Einfluss auf ihn aus. Nun ist Werner P. fast dreissig, hat zwar eine liebe Partnerin, aber eine Familie können sie sich nicht leisten; seine Jobs sind derart schlecht bezahlt. Zudem hat er verlernt, wie man einen sinnvollen Satz schreibt.

Fehlende Bildung als Armutsrisiko

Die Skos-Tagung vom 8. März 2017 bot vielfältige Analysen und Praxisbeispiele zum Thema «Bildung statt Sozialhilfe». Schlecht ausgebildete Personen haben ein dreimal höheres Armutsrisiko als Menschen mit einem Universitätsabschluss. So zeigen Studien, dass jede zweite Person in der Sozialhilfe keine berufliche Ausbildung vorweisen kann. In der Gesamtbevölkerung ist es hingegen «nur» jede fünfte. Und während das Ausbildungsniveau in der Schweiz steigt, bleiben Viele auf der Strecke. Mit leerem Bildungsrucksack leben diese Menschen unter oder an der Armutsgrenze, halten sich mit schlecht bezahlten Jobs knapp über Wasser oder landen beim Sozialamt.

Es bleibt düster

Wenn man die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt beobachtet, gibt es viele dunkle Wolken und nur vereinzelt Lichtblicke. Die Situation für Niedrigqualifizierte wird tendenziell schwieriger. Gründe sind die technische Automatisierung wie auch die Verlagerung ins Ausland: Stellen mit repetitiven oder einfachen Arbeiten fallen stärker weg, stellt Prof. Conny Wunsch von der Uni Basel in ihrem Referat fest. Gute Chancen im Arbeitsmarkt hat, wer im Bereich der persönlichen Dienstleistungen ausgebildet ist, insbesondere im Gesundheitssektor. Allerdings bestehen kaum Angebote für eine entsprechende Nachholbildung.

Der politische Wille fehlt

Werner P. braucht an eine spezifische Bildung noch gar nicht denken. Ihm würde nur schon der Kurs «Den Papierkram im Griff» der SAH Zentralschweiz das Leben erleichtern, da er mit der Administration im Alltag total überfordert ist. Doch leider sind alle Plätze bereits vergeben und der Kurs schafft es nicht über die Pilotphase hinaus. Wie so oft fehlt es an der langfristigen Finanzierung. Wie Cecilia Märki, Leiterin Grundkompetenzen vom Schweizerischen Verband für Weiterbildung SVEB in ihren Ausführungen betont, sind der Bedarf und die Wirksamkeit von diesen Kursen zwar gegeben. Doch fehlt die politische Initiative, solche Instrumente einzusetzen und auch zu finanzieren.

4 konkrete Massnahmen

Menschen in der Schweiz müssen eine zweite Bildungschance erhalten. Was gibt es zu tun, um Personen wie Werner P. nachhaltig zu helfen? Die Skos hält vier Massnahmen fest:

  • Förderung von Qualifikations- und Integrationsprogrammen
  • Ausbau von Angeboten zur Sprachförderung
  • Absolvieren von Ausbildungen und Praktika
  • Unterstützung durch Job-Coachings

Caritas Zürich engagiert sich

Da all diese Massnahmen einiges kosten, steht den engagierten Organisationen, Verbänden und Hilfswerken noch einige Überzeugungsarbeit bevor. Auch Caritas Zürich engagiert sich, etwa mit dem Angebot LernLokal oder dem Projekt incluso. Bei diesem unterstützen erfahrene Berufsleute Schüler/innen mit Migrationshintergrund bei der Lehrstellensuche. Damit ihnen nicht das Schicksal von Werner P. blüht.

ähnliche Artikel

Keine Kommentare

Rückmeldung hinterlassen