Der schwarze Zauberer

Die Fusballweltmeisterschaft in Brasilien ist in vollem Gang. Während ich mit Interesse und leiser Enttäuschung die Spiele der vier schwarzafrikanischen Teams verfolge, gleiten die Gedanken vierzig Jahre zurück in meine Kindheit.

Für uns, die Schüler der Kanti Willisau, war es eine Riesenattraktion: Auf unserer kleinen Sportanlage trainierten die «Leoparden», die Nationalmannschaft Zaires. Sie bereiteten sich auf die Weltmeisterschaft 1974 in Deutschland vor. Mit Zaire fuhr erstmals ein Land südlich der Sahara zur WM-Endrunde. Neben Robert Mwamba Kazadi, dem spektakulären Torhüter mit den katzenhaften Bewegungen, fiel mir besonders ein Spieler auf, dessen Name Mafuila «Ricky» Mavuba Ku Mbundu lautete. «Ricky», der in seiner Heimat aufgrund seines eigenwilligen Schussverhaltens der «schwarze Zauberer» genannt wurde, trainierte mit einer Riesenbrille auf der Nase. Da ich seit frühester Jugend selbst Brillenträger bin, war mir dies ungemein sympathisch.

Die hoffnungsvolle Fussballmission Zaires endete in einem Desaster. Das Team erlitt drei Niederlagen und musste 14 Gegentore hinnehmen, ohne ein einziges zu erzielen. Unvergesslich in Erinnerung ist das 0:9 Zaires gegen Jugoslawien, dem Land aus dem meine Familie nur wenige Jahre davor zwecks Arbeitssuche in die Zentralschweiz kam.

Vertrag in Europa
Die meisten afrikanischen Akteure, die heute in Brasilien spielen, sind bereits bei europäischen Klubs aktiv. 1974 war das nicht der Fall. Zaire hatte keinen einzigen Spieler, der in Europa unter Vertrag stand. Für sie war der Fussball weder vorher noch nachher ein Vollzeitjob, denn sie mussten sich ihren Lebensunterhalt abseits des Rasens verdienen. Nur einer schaffte es später halbwegs als Spieler nach Europa: Etepe Kakoko war bereits daheim für Mercedes Benz tätig. 1977 schickte ihn sein Arbeitgeber nach Stuttgart, wo er in der Freizeit Fussball spielte. Etepe gewann 1980 die deutsche Amateurmeisterschaft.

Der schwarze Zauberer seinerseits heiratete eine Angolanerin und zog nach Beendigung seiner Fussballkarriere ins Heimatland seiner Frau. Während des angolanischen Bürgerkriegs floh er 1984 mit seiner Familie nach Frankreich, wo er zunächst als Flüchtling lebte.

Chancen in der Schweiz
Und was hat das alles mit meinem Arbeitsalltag zu tun? Als Sozialberater der Caritas Zürich komme ich oft mit zugewanderten Familien in Kontakt – mit Menschen, die armutsbetroffen sind. Die meisten gelangten in die Schweiz auf der Suche nach Arbeit wie Etepe Kakoko, oder weil sie verfolgt wurden wie der schwarze Zauberer.

Caritas setzt sich dafür ein, dass in der Schweiz alle Kinder gleiche Chancen haben. Das tue ich in der Familienberatung auch mittels Themenpatenschaften. Damit kann ich Freizeitbeschäftigungen finanzieren, zum Beispiel die Mitgliedschaft in einem Fussballclub. Es geht darum, dass die Talente der Kinder gefördert werden, dass sie eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung haben sowie Gleichaltrige kennen lernen.

Auch in unserer Nationalmannschaft
Das eine oder andere dieser Kinder wird dann vielleicht – auch mit Ihrer Hilfe – seine Talente soweit entwickeln können, dass es ähnlich erfolgreich sein wird wie Rio Antonio Zoda Mavuba, der Sohn des schwarzen Zauberers, während der Flucht seiner Eltern irgendwo zwischen Afrika und Europa auf einem Schiff geboren und heute für Frankreich als Mittelfeldspieler an der WM mit dabei. Paul Pogba, Marouane Fellaini, Xerdan Shaqiri, Mesut Özil, Johan Djourou: Kinder von Zuwanderern aus nah und fern beleben die Fussballkunst der europäischen Länder und tragen zu einer solidarischen Gesellschaft bei.

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