Der Wohnungsmarkt hat kein Mitleid

Wie kann Wohnpolitik sozial nachhaltig gestaltet werden? Dieser Frage ging die Caritas Schweiz am diesjährigen Caritas Forum mit Expertinnen und Experten nach.

Fredy Hasenmaile, Leiter des Bereichs Real Estate Research der Credit Suisse AG, strich passend zur aktuellen politischen Debatte hervor, dass die Zuwanderung durchaus ein Teil des Problems ist, jedoch nicht der ausschlaggebende. Entscheidend ist viel eher der gestiegene Wohnflächenverbrauch der vergangenen Jahre. Anschaulich führte er das sogenannte Trilemma der Politik aus: Die Wirtschaft ist auf Zuwanderung angewiesen, die Bevölkerung auf tiefe Mieten; gleichzeitig besteht der Wunsch, die Zersiedelung einzudämmen. Gemäss Hasenmeile kann nur eine gezielte städtische Verdichtung dieses Trilemma auflösen.

Wie so eine Verdichtung aussehen kann, ohne dass Lebensqualität verloren geht, legte Ariane Widmer Pham, Geschäftsleiterin des Bureau du Schéma directeur de l’Ouest Lausannois im Bundesprogramm «Projets urbains», dar. Grundsätzlich hielt sie fest, dass es mehr Durchmischung braucht, bezüglich Arbeit und Wohnen, aber auch Alter, Herkunft und Einkommen.

Dass das Gegenteil von Durchmischung, nämlich Segregation, durchaus auch seine Vorteile haben kann, sprach Ruedi Meier an, ehemaliger Sozialdirektor Stadt Luzern. Segregation kann die Identitätsbildung Neuzuziehender begünstigen. Mit der Durchmischung geht leider oft auch eine Gentrifizierung einher, welche den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährden kann.

Philippe Thalmann, Professor an der École polytechnique fédérale de Lausanne, beschäftigte sich mit der Frage, ob Immobiliensteuern den Wohnraum verteuern. Seine Untersuchungen konnten dies nicht bestätigen. Einen viel grösseren Einfluss auf den Wohnraum haben tiefe Einkommenssteuern, die zu einer Ghettoisierung von Wohlhabenden führen.

Ernst Hauri, Direktor des Bundesamtes für Wohnungswesen, stellte zu Beginn seines Referates fest, dass er vor gut 20 Jahren bereits ein Referat zur schwierigen Wohnsituation gehalten hatte. Finanziell tragbare und qualitativ gute Wohnsituationen auch für Wenigverdienende zur Verfügung zu stellen, sei eine Daueraufgabe. In seinem Referat ging er näher auf die zahlreichen Handlungsmöglichkeiten der Gemeinden und Kantone ein.

Hasenmaile zeigte sich überzeugt, dass der private Markt wieder günstigere Wohnungen produzieren wird, sofern dieser nicht zu stark reguliert wird. Dieses Votum stiess auf grossen Widerspruch aus dem Publikum. Ruedi Meier brachte die Kritik auf den Punkt: «Der Markt gibt jenen, die Geld haben – und er hat kein Mitleid.» Wie ein solcher Markt von sich aus die Wohnungsproblematik lösen soll, blieb unklar.

Hugo Fasel zeichnete in seinem Schlusswort ein düsteres Bild: Die steigenden Mietpreise zwingen immer mehr Menschen in die Armut, die Angst in der Bevölkerung vor Wohnungsverlust und Verdrängung steigt. Eine einfache Lösung ist nicht in Sicht – wir bleiben trotzdem dran.

Das Caritas-Forum, die sozialpolitische Tagung der Caritas Schweiz, findet jährlich im Januar statt und widmet sich einem aktuellen gesellschaftspolitischen Thema.

ähnliche Artikel

Keine Kommentare

Rückmeldung hinterlassen