«Die Welt steht mir wieder offen»

Sie kam mit 30‘000 Franken Schulden in unsere Beratung. Nun hat sie es geschafft, alles zurück zu zahlen. Im Interview erzählt Frau R, wie sie ihr Leben änderte und was ihr dabei am meisten geholfen hat.

Frau R*, wie sind Sie in die Schuldenfalle geraten?
Es begann bereits während der Lehre. Ich habe einfach Geld ausgegeben ohne zu ahnen, welche Folgen dies haben könnte. Mit 20 bin ich zu Hause ausgezogen, die Situation verschlimmerte sich. Ich dachte: Die Welt stand mir offen – überall konnte ich schöne Sachen kaufen. Hinzu kam ein Burnout. Ich musste mein Arbeitspensum herunterschrauben und verdiente plötzlich 500 Franken weniger pro Monat. Die Grundausgaben wie Miete oder Auto blieben gleich. Nach und nach konnte ich verschiedene Rechnungen nicht mehr bezahlen. Mahnungen, Betreibungen, irgendwann ging’s nicht mehr. Meine Schwester gab mir dann den Rat, mir helfen zu lassen. Doch bis ich das zuliess, dauerte es eine Weile. Ich habe mich einfach geschämt.

Gab es einen Auslöser, der Sie zur Beratung führte?
Es war einfach zu viel. Ich wusste nicht mehr wie, wo, was. Es folgte eine Betreibung auf die andere. Ich hatte keinen Durchblick mehr in dem ganzen Papierkrieg. Kurz bevor es zur Lohnpfändung kam, meldete ich mich bei der Caritas Schuldenberatung.

Wie ging Ihr Umfeld mit der Situation um?
Niemand wusste davon, ausser meiner Schwester. Auch mein damaliger Freund hatte keine Ahnung. Ich bin sogar noch mit ihm in die Ferien gefahren, obwohl ich mir das nicht leisten konnte. Meine Schuldenberaterin empfahl mir, meinem nächsten Umfeld Bescheid zu geben. Es brauchte einiges an Überwindung, doch eine grosse Last fiel von mir. Ich musste nicht mehr lügen, wenn ich zum Beispiel nicht mit in den Ausgang konnte, weil ich kein Geld hatte.

Wie lief es in der Beratung?
Ich musste ungefähr 30‘000 Franken Schulden abbauen. Zu Beginn war ich alle zwei Wochen in der Beratung, später weniger. Allgemein ging es bergauf. Im Februar habe ich einen neuen Job angefangen, der besser bezahlt ist. So kann ich auch die Abzahlungsraten erhöhen. Zudem erliessen mir verschiedene Gläubiger die Zinsen, weil ich zuverlässig meine Zahlungen geleistet habe.

Ich nehme an, Sie mussten während Ihrem Schuldenabbau auf einiges verzichten. Was war das Schwierigste?
Meine Bedürfnisse wie Yoga oder Ferien hintenanzustellen. Mir fehlte vor allem, dass ich mir selbst spontan nichts mehr Gutes tun konnte. Der Autoverkauf wiederum war nicht einschneidend für mich. Dank dem Verkauf schaffte ich die Schuldensanierung in 3,5 Jahren. Ansonsten hätte ich bestimmt etwa 6 Jahre gebraucht.

Welches sind die besten Tipps fürs Sparen?
Sehr hilfreich war die Budget-Zusammenstellung und der Rat, beim Sparen weitsichtig zu denken, indem man auf ein Jahresabonnement für die Verkehrsbetriebe spart anstatt monatlich ein Abo zu lösen. Unvorhergesehene Kosten sollte man immer miteinberechnen und unbedingt eine Ablage- und Zahlungsstruktur erarbeiten.

Nun sind Sie schuldenfrei. Ich gratuliere. Wie fühlt es sich an?
Super (lacht)! Im nächsten Monat habe ich zum ersten Mal meinen ganzen Lohn für mich. Die Welt steht mir wieder offen, aber nun weiss ich, wie umgehen mit dieser Freiheit.

Was oder wer hätte ihre Schulden vermeiden können?
Hilfreich ist bestimmt, wenn die Eltern einem den Umgang mit Geld mit auf den Weg geben. Doch wie wollen sie das tun, wenn sie selbst die Finanzen nicht im Griff haben? Das war bei mir der Fall: Mir wurde vorgelebt, dass es keine Grenzen gibt. Kampagnen zur Prävention wären deshalb bestimmt sinnvoll. Denn an Geld kommt man einfach. Ich hatte auch eine Kreditkarte, die ich masslos überzogen habe, ohne an die Rückzahlung zu denken. Dem Kreditunternehmen ist es schlussendlich egal, in welcher Lage ich mich dadurch befinde.

Was haben Sie daraus gelernt? Glauben Sie, Sie bleiben schuldenfrei?
Ich habe gelernt, wie man mit Geld umgeht. Und ich bin davon überzeugt, dass ich es schaffe. Struktur und Budget, die ich in der Beratung erarbeitet habe, werde ich beibehalten. Es hat gut funktioniert. Und: alle sind stolz auf mich. Gerade gestern habe ich eine Freundin getroffen und ihr gesagt, dass ich es geschafft habe. Vor lauter Freude hat sie mich umarmt. Solche Reaktionen tun gut.

*Frau R. möchte anonym bleiben.
Foto: © danr13 – Fotolia.com

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8 Kommentare

  • Reply Urs Rösli 6. Oktober 2014 at 9:48

    Toller Artikel und ich gratuliere Frau R. herzlich zu ihrem Erfolg. Auch hier zeigt sich, was mir oft auffällt: Wir schämen uns, zuzugeben, dass das Geld einfach nicht reicht oder dass wir Schulden haben. Wir wollen, möchten, müssen zur Gesellschaft gehören. Manchmal denke ich: Wenn man von allen wüsste, wie sie finanziell leben: Wir würden staunen!!

    • Reply Ariel 6. Oktober 2014 at 11:24

      Über Geld spricht man nicht. Jedenfalls nicht in der Schweiz. In anderen Ländern ist es gang und gäbe, jemanden nach seinem Lohn zu fragen, bei uns ist es ein Tabu. Erst recht, wenn zu wenig Geld da ist.
      Aber Frau R. sagt, es sei eine grosse Last von ihr gefallen, als sie endlich offen über ihre Lage sprechen konnte. Das zeigt einmal mehr: Darüber reden hilft!

  • Reply Urs Rösli 6. Oktober 2014 at 9:48

    Toller Artikel und ich gratuliere Frau R. herzlich zu ihrem Erfolg. Auch hier zeigt sich, was mir oft auffällt: Wir schämen uns, zuzugeben, dass das Geld einfach nicht reicht oder dass wir Schulden haben. Wir wollen, möchten, müssen zur Gesellschaft gehören. Manchmal denke ich: Wenn man von allen wüsste, wie sie finanziell leben: Wir würden staunen!!

    • Reply Ariel 6. Oktober 2014 at 11:24

      Über Geld spricht man nicht. Jedenfalls nicht in der Schweiz. In anderen Ländern ist es gang und gäbe, jemanden nach seinem Lohn zu fragen, bei uns ist es ein Tabu. Erst recht, wenn zu wenig Geld da ist.
      Aber Frau R. sagt, es sei eine grosse Last von ihr gefallen, als sie endlich offen über ihre Lage sprechen konnte. Das zeigt einmal mehr: Darüber reden hilft!

  • Reply Franziska Thomann 6. Oktober 2014 at 17:31

    Ein guter Artikel.
    Als Rentnerin hangle ich mich jeden Monat durch die engen Finanzen!
    Die Coop-und Migros-Kreditkarten geben mir etwas Spielraum.Ich zahle regelmässig zurück.
    Jetzt müsste ich eine neue Brille haben für ca. 850.-!Woher soll ich diesen Betrag wohl nehmen?
    Mein Auto habe ich weggegeben,auf Ferien verzichte ich.Dieses Jahr konnte ich meine Steuern auch selten monatlich vorauszahlen.
    Als geschiedene Rentnerin mit kleiner Pensionskasse ist es wie es ist..!

  • Reply Franziska Thomann 6. Oktober 2014 at 17:31

    Ein guter Artikel.
    Als Rentnerin hangle ich mich jeden Monat durch die engen Finanzen!
    Die Coop-und Migros-Kreditkarten geben mir etwas Spielraum.Ich zahle regelmässig zurück.
    Jetzt müsste ich eine neue Brille haben für ca. 850.-!Woher soll ich diesen Betrag wohl nehmen?
    Mein Auto habe ich weggegeben,auf Ferien verzichte ich.Dieses Jahr konnte ich meine Steuern auch selten monatlich vorauszahlen.
    Als geschiedene Rentnerin mit kleiner Pensionskasse ist es wie es ist..!

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