«Und immer wieder diese diffuse Angst…»

Wir haben Sommer, die Politik macht Ferien, die Medien sitzen im Sommerloch: Ideal, jetzt über Armut zu schreiben – kaum jemand wird diese Artikel lesen, zeigen sie doch vor allem Zahlen. Doch mich plagt die Angst.

Allein bei SRF lese ich im Juli: «Mehr Menschen beanspruchen Hilfe der Caritas», «Fast 600’000 Arme in der Schweiz», «Armut verschwindet nicht von selbst». Die neusten Zahlen des BFS und das «Neue Handbuch der Armut in der Schweiz» sind wohl Auslöser für diese Armutsartikel. Artikel, die von intelligenten Menschen geschrieben wurden. Artikel, in denen die «armen» Menschen zu Zahlen in Statistiken werden. Und ganz langsam steigt in mir die Wut auf. Der Titel «Und immer wieder diese diffuse Angst…» findet in keiner Statistik Eingang. Nein, es geht um nackte Zahlen, nicht um Menschen und ihre Sorgen.

Wie wird das gehen?
Wie äussert sich die latente Angst? Wenn ich morgens aufstehe, ist einer meiner ersten Gedanken: Bringe ich den Tag finanziell durch? Muss ich etwas Wichtiges einkaufen? Was finde ich im Briefkasten vor? Wieder eine Rechnung, vielleicht eine Mahnung? Das zermürbt. Als selbständiger Sänger und Gesangslehrer bin ich auf meine Schüler angewiesen. Also Mails und SMS lesen: Ist jemand krank geworden und kann nicht in den Unterricht kommen? Diese Nachrichten werden jeweils zu Hiobsbotschaften, denn ohne Unterricht kein Geld. Zudem quält mich die Angst, krank zu werden und darum nicht unterrichten zu können. Dann würde ich auch nichts verdienen, denn um Ausfälle zu versichern, fehlt mir das Geld. Im Juli und August ist in der Tonhalle, wo ich einem Nebenjob nachgehen darf, Saisonpause. Ich werde also zwei Monate keinen Zusatzverdienst haben und auch da die Angst: Wie wird das gehen?

Angst vor Freunden
Mein gesellschaftliches Leben geht immer mehr flöten. Dank der KulturLegi kann ich mir zwar günstig einen Film holen und ihn zu Hause alleine anschauen. Einen Bekannten, eine Bekannte zu einem Kaffee oder einem Glas Wein einladen, liegt aber finanziell nicht drin. Ich kann gratis ins Kunsthaus. Eine Möglichkeit, die ich gerne nutze. Ich könnte für 20 Franken ins Opernhaus. Aber: Wenn ich nicht einmal zu einem Getränk einladen kann, sind selbst 20 Franken zu viel. Beim Kino dasselbe. Somit bleibt dem Armen das Vereinsamen. Auch Vereinsamung ist mit Angst verbunden. Ich bekomme Angst vor Einladungen, denn woher soll ich das Geld haben, Freunde in St. Gallen, in Basel zu besuchen? Ich weiss, all diese Ängste stören die Politiker nicht. Sie wollen sich nicht mit uns herumschlagen, ausser vielleicht kurz vor den Wahlen. Nein, sie können sich diese Ängste nicht vorstellen, sind sie doch finanziell abgesichert.

Es kommt schleichend
Die Armut und damit auch die Angst kommen schleichend. Anfangs ging ich vielleicht noch einmal in der Woche irgendwohin. Dann wurde auch das weniger. Ich sitze zu Hause, überlege, wo es noch Sparpotential gibt. Dem Steueramt ist es egal, ob ich unter dem Existenzminimum lebe. Wenn ich in meiner Steuererklärung (als Selbständiger) einen gewissen Betrag unterschreite, heisst es: «Ja aber so können Sie doch nicht existieren!» Und es wird ein höherer Betrag eingesetzt, bei dem ICH beweisen muss, dass er nicht stimmen kann. So setze ich lieber einen Betrag ein, den das Steueramt akzeptiert, auch wenn ich gar nicht so viel verdiente…

Ich bin ein glücklicher, positiv eingestellter Mensch. Aber hin und wieder habe ich den Wunsch, meine Meinung klar auszudrücken. Meine Armut ist für mich nicht so schlimm, wie es möglicherweise klingt. Und mit einem Lächeln ist sie leichter zu ertragen als mit einem missmutigen Blick, kostet aber genau gleich viel.

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9 Kommentare

  • Reply Alex 24. Juli 2014 at 14:37

    …. und ich bin stolz darauf, einen Vater zu haben, der auch als Working Poor (wieder Anglizismen, um etwas auszudrücken, wovor die deutsche Sprache sich scheut – denn ein Wort dafür zu haben, bedeutet, es anzunehmen) sein strahlendes Lächeln beibehält, seinen Optimismus und es auch trotz allen Widrigkeiten immer wieder schafft, seine Lissabonner Tochter (ebenfalls Working Poor) zu besuchen!!

    Danke, Urs!

    • Reply Urs Rösli 24. Juli 2014 at 19:45

      Danke für Deine Zeilen, querida Alex. Ich bin auch stolz auf Dich weil auch Du versuchst, „irgendwie“ – es geht ja „nur“ immer um Finanzen – Dein Leben zu meistern. Und vielleicht schüttet ja die Glücksgöttin doch einmal etwas aus ihrem Füllhorn über uns herunter 🙂

      Beijinhos teu Paiourso

  • Reply Claudia G. (Dienstwerk) 24. Juli 2014 at 16:51

    Super Artikel!

    Nun hätte ich aber gern „Working Poor“ noch genau übersetzt, ohne nachschlagen zu müssen.

    Danke!

    • Reply Ariel 25. Juli 2014 at 8:12

      Ein Working Poor ist eine Person, welche zwischen 20 und 59 Jahren alt ist und in einem Haushalt lebt, der trotz Arbeitstätigkeit (Erwerbspensum insgesamt mindestens 36 Stunden pro Woche) kein Einkommen über dem Existenzminimum zur Verfügung hat. Die neusten Zahlen des Bundesamtes für Statistik dazu stammen aus dem Jahr 2011. Damals mussten 3,7% der 20- bis 59-jährigen Erwerbstätigen in der Schweiz als Working Poor bezeichnet werden, was geschätzt 130’000 Personen entsprach. Wie viele Partner und Kinder mitbetroffen sind, ist nicht bekannt. Besonders betroffen sind wiederum Alleinstehende, Personen ohne nachobligatorische Ausbildung und nicht ganzjährig Erwerbstätige.

      • Reply Urs Rösli 25. Juli 2014 at 9:11

        Danke für diese Ergänzung. Jetzt weiss auch ich, was der „Working Poor“ genau ist. Ich stellte mir vor, so wie ich es bin: Man arbeitet und kommt trotzdem nicht über das Existenzminimum hinaus. Dann bin ich im Grunde kein echter Working Poor. Aber wie soll ich mich nennen? Vielleicht einfach „arm“? Das Wort erinnert aber irgendwie an die Bücher von Mark Twain….

    • Reply Urs Rösli 25. Juli 2014 at 9:03

      Danke! Es tut gut zu wissen, dass mein Eintrag positiv aufgenommen wurde.

    • Reply Ariel 25. Juli 2014 at 14:37

      Wer es ganz genau wissen will, dem empfehle ich den Eintrag auf Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Erwerbsarmut

      • Reply Urs Rösli 25. Juli 2014 at 18:54

        Es ist interessant, dass zwischen Erwerbsarmut von an- und ungelernten Arbeitern und Akademikern ein Unterschied gemacht wird. Der an- und ungelernte Arbeiter oder der arbeitslose oder unter dem Existenzminimum lebende Selbständige heisst „Working Poor“, Akademiker laufen unter dem Namen (ihrer Intelligenz entsprechend) „Akademisches Prekariat“ 🙂

  • Reply gabriel pereira 5. Dezember 2015 at 8:53

    Por teu livre pensamento…Fado de Peniche, denke ich, während ich hier lese. Und Grüsse nach Lissabon (wie vermisse ich das sanfte Licht). „Working Poor“ habe ich längst in Armgearbeitete umgewandelt. Und ich schreibe, rede explizit von matiereller Armut, von Menschen, die in die matierelle Armut gezwungen werden, usw.; es gibt auch Reichtum ausserhalb des Besitzes, wie man hier auch lesen kann. Obrigada!!!

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