Schuldenberatung Caritas Zürich: Ist ein automatisierter freiwilliger Direktabzug der direkten Steuern vom Lohn sinnvoll für die Klienten?

Direkter Steuerabzug: ein Wundermittel?

Ein Zehntel der Schweizer Bevölkerung hat Steuerschulden. Deshalb unterstützen wir die parlamentarische Initiative «Automatisierter freiwilliger Direktabzug der Steuern vom Lohn» des Kantonsrates Stefan Feldmann. Doch wäre ein Direktabzug ein geeignetes Mittel um Steuerschulden zu senken? Caritas Zürich lud gemeinsam mit der Schuldenberatung Kanton Zürich und der Schuldenprävention Stadt Zürich am 13. Juni 2016 in Zürich zur Diskussion über die Vor- und Nachteile eines solchen Abzuges.

Ein Schicksalsschlag reicht

Ein Unfall, Arbeitslosigkeit oder eine Scheidung: Es braucht nicht viel, damit das Leben Kopf steht. Plötzlich stehen viel grössere Ausgaben an oder viel kleinere Einnahmen zur Verfügung. Solche Schicksalsschläge lassen sich nicht vorausplanen. Doch gerade das verlangt das Steueramt von uns allen. Wir müssen Geld für eine Steuerrechnung zur Seite legen, die uns erst ein, zwei Jahre später erreicht. Trifft einem in der Zwischenzeit ein solcher Schicksalsschlag, fehlt plötzlich das Geld und man gerät schnell in die Schuldenfalle.

Direktabzug wirkt!

Vor der Diskussion präsentierte Herr Veit von FehrAdvice & Partner ein Gutachten, das aus verhaltensökonomischer Sicht die positiven und negativen Wirkungen eines freiwilligen Direktabzuges der Steuern vom Einkommen untersuchte. Sein Fazit: «Steuerschulden und die private Gesamtverschuldung können reduziert werden. In der mittleren Frist entstehen viele Verschuldungen erst gar nicht.»

Direktabzug der Steuern vom Einkommen, Anlass von Caritas Zürich

Marcus Veit, Jürg Gschwend, Nicole Barandun und Yves de Mestral

Freiwilligkeit gibt es bereits

Doch gibt es überhaupt einen Unterschied zum heutigen System, wenn es freiwillig ist? Heute kann jeder und jede einen Dauerauftrag einrichten. Grundsätzlich stimmt das. Doch Herr Veit macht einen entscheidenden Unterschied geltend. Die heutige Möglichkeit besteht aus einem Opt-in-Verfahren. Das heisst, man muss sich aktiv um einen Dauerauftrag kümmern. Hingegen wäre der Direktabzug eine Opt-out-Variante. Man muss sich aktiv abmelden. Durch den grundsätzlichen Abzug vom Lohn würde dies zu einem allgemein gültigen Verfahren, zu einer sozialen Norm, und somit selbstverständlich für jeden. Herr de Mestral, Präsident der Stadtzürcher Stadtammänner, machte entsprechend darauf aufmerksam, dass so ein beachtlicher Teil der Betreibungen wegfallen würde.

Bedeutung für KMUs?

Viel zu diskutieren gab auch die Belastung der Arbeitgebenden – vor allem der kleinen und mittleren Unternehmen (KMU). Nicole Barandun vom Stadtzürcher Gewerbeverband machte klar, dass der Teufel im Detail steckt. Je nach Umsetzung wäre die Belastung für die KMU immens, da sie im Gegensatz zu grossen Unternehmen über keine Spezialisten verfügen. Auch Herr Veit wies in seinem Referat auf diese Gefahr hin, erklärte aber, die Belastung hänge von der Umsetzung des Direktabzuges ab. Wie bei der Quellensteuer wäre es möglich, die Unternehmen für die administrativen Aufwände zu entlasten. Man könnte auch Kleinstbetriebe von einem Direktabzug entbinden.

Wie weiter?

Die Schuldenfachstellen fordern jetzt konkrete Handlungen. Immer mehr Leute landen in der Schuldenspirale. Über 350’000 Haushalte haben in der Schweiz Steuerschulden, trotz zahlreicher Präventions- und Informationsprogramme. Deshalb ist es notwendig, zusätzlich zur Stärkung der Finanzkompetenz Einzelner, auch die strukturellen Voraussetzungen zu schaffen, um Steuerschulden zu verringern. Jürg Gschwend von der Schuldenberatung Plusminus Basel hält fest, dies sei nicht nur ein Anliegen von Menschen mit Steuerschulden, sondern von vielen Bürgerinnen und Bürgern. Sollte der parlamentarische Weg nicht funktionieren, würde man den Weg einer Volksinitiative ernsthaft prüfen.

Öffentlichkeit interessiert

Das Anliegen interessiert nicht nur uns. Neben zahlreichen Mitgliedern des Kantonsrates waren auch Medienschaffende an der Veranstaltung anwesend. Die NZZ schreibt von einem Vorgeschmack auf die Debatte im Kantonsrat, bei Radio SRF kommen die Beteiligten der Diskussion zu Wort.

ähnliche Artikel

Keine Kommentare

Rückmeldung hinterlassen