«Für das Depot habe ich mich verschuldet»

Wie wohnen ohne Geld? Diese Frage stellte ich Anfang Jahr im Rahmen einer Schreibwerkstatt. 8 Personen, die am Existenzminimum leben, waren dabei und erzählten von ihren Erfahrungen.

Die Journalistin Andrea Keller und die Schriftstellerin Tanja Kummer haben den Teilnehmenden lustvolles Schreiben näher gebracht und gemeinsam mit ihnen an Texten gefeilt. Entstanden sind eindrucksvolle Zeugnisse schwieriger Wohnverhältnisse, die wir in einer Broschüre mit dem Titel «Wohnen/Schreiben» herausgeben. Am 15. Mai um 18:30 Uhr findet die erste von fünf Lesungen im Kanton Zürich statt, in unserem Secondhand-Laden im Viadukt. Ich freue mich, wenn Sie dabei sind.

Ein Text aus der Broschüre «Wohnen/Schreiben»:

Warum ich ein Doppelleben führe
Weil meine Siedlung abgerissen werden sollte, musste ich umziehen. Also besichtigte ich alle möglichen und unmöglichen Wohnungen. Maximal 1‘100 Franken durfte sie kosten. Da mein Lohn nicht zur Existenzsicherung reicht, werde ich ergänzend vom Sozialamt unterstützt. Dies war der Grund für viele Absagen.

Nach unzähligen erfolglosen Bewerbungen hatte ich doch noch Glück. Endlich bekam ich die Zusage für eine 2.5-Zimmer-Wohnung. Juhu! Meine Freude war gross. Es war nicht irgendeine Wohnung, nein sie gefiel mir wirklich. Der Nachteil: Der Mietzins lag 250 Franken über meinem Budget. Also hätte ich weniger Haushaltsgeld. Die Vorteile: Ein grosser Balkon in grün belaubten Baumwipfeln. Eine grosszügige Essecke neben der Küche. Ein Gasherd. Ein helles Wohnzimmer.

Als der Mietvertrag kam, war ich so glücklich, dass ich nicht aufhören konnte zu lachen. Doch wie sollte ich das Mietzinsdepot von 2‘700 Franken bezahlen? Das Sozialamt wollte mir eine Mietzinsdepot-Garantie ausstellen, aber kein Geld einbezahlen. Also musste ich die Verwaltung anrufen. Als die Sachbearbeiterin hörte, dass ich ergänzend vom Sozialamt unterstützt werde, nahm Sie die Wohnungs-Zusage zurück.

Ich war bestürzt. Was war falsch an mir, dass ich keine Wohnung bekam? Reichte es denn nicht aus, einen Betreibungsregister-Auszug zu schicken? Auskünfte und Referenzen beim bisherigen Vermieter einzuholen? Am Arbeitsplatz anzurufen und ausführliche Telefongespräche mit meiner Vorgesetzten zu führen? Drei problemlose Mietverhältnisse in den letzten 23 Jahren zu haben?

Was nun? Es blieb mir nicht mehr viel Zeit. In wenigen Wochen musste ich ausziehen. Also musste ich weiter suchen. Weiter hoffen und bangen. Als letzte Mieterin verliess ich meine alte Siedlung. Endlich hatte ich eine 2-Zimmer-Wohnung gefunden. 150 Franken über dem Budget. Für das Mietzinsdepot habe ich mich verschuldet. Mein Vermieter weiss nicht, dass ich ergänzend vom Sozialamt unterstützt werde. Meine Nachbarn auch nicht. Ich führe ein Doppelleben.

Die Autorin, geboren 1967, ist Zürcherin. Sie war längere Zeit arbeitslos und lebt und arbeitet heute im Zürcher Unterland. Da ihr Einkommen unter dem Existenz-Minimum liegt, wird sie ergänzend vom Sozialamt unterstützt.

ähnliche Artikel

Keine Kommentare

Rückmeldung hinterlassen