«Geld erhält man nicht einfach so»

Denis erzählt, warum er als 20-jähriger von der Sozialhilfe leben muss. Sein Ziel ist es, eine Festanstellung zu erhalten.

«Ich fühle mich eigentlich nicht arm. Nicht alles, was sich meine Kollegen leisten, liegt bei mir drin: Für grössere Ausgaben wie etwa ein Paar Schuhe muss ich schon zwei drei Monate warten. In der Freizeit spiele ich Basketball mit meinen Freunden oder gehe schwimmen. Wir grillieren oft. Ausgang kann ich mir selten leisten, aber Clubbing interessiert mich wenig.

Vater versuchte Geldsorgen zu verstecken
Als Kind lebte ich bei meiner Mutter, denn meine Eltern sind geschieden. Sie arbeitete als Verkäuferin und unterstützte uns, wo sie konnte. Doch als ich 12 Jahre alt war, wurde sie krank: Sie hatte Probleme mit den Nerven, musste ihre Arbeit aufgeben. Ich zog zu meinem Vater und wechselte die Schule. Er bezieht eine IV–Rente, aber er hat mir nie einen Wunsch abgeschlagen
Mein Vater schaute immer, dass mir nichts fehlte – obwohl er dadurch auf alles verzichten musste. Er versuchte, seine Geldsorgen vor mir zu verstecken. Es sah immer so aus, als sei es kein Problem für ihn, mir jeden Monat Taschengeld zu geben. Er spricht nicht gut Deutsch, deshalb habe ich für ihn Briefe übersetzt. Auch einen vom Betreibungsamt, aber was eine Betreibung genau bedeutet, verstand ich als kleiner Junge nicht. Erst mit der Zeit merkte ich, dass mein Vater finanziell sehr knapp dran war. Heute ist meine Situation schwieriger und ich kann mir nicht mehr alles leisten. Ich muss jetzt erst lernen, damit klar zu kommen.

Die Referenzen fehlen
Mit 16 wollte ich nicht für nur 500 Franken als Lehrling arbeiten gehen. Andere waren auf dem Bau, verdienten 3000, 4000 Franken, das wollte ich auch. Ich dachte: «Die Lehre kann ich ja später machen…» Meinen Eltern sagte ich, dass ich zuerst mal arbeiten gehe und dann im nächsten Jahr eine Lehrstelle suche. Ich habe es ausgenutzt, dass sie sich nicht auskennen, und jobte. Ich kam immer irgendwie durch, fand hier und dort Temporärjobs, doch mit einer Festanstellung klappte es nie. Wer stellt schon jemanden ohne Lehrabschluss ein? Früher war mein Kopf immer irgendwo anders. Ich wollt raus, weg, reisen. Jetzt bin ich zwanzig und merke, dass mir für eine sichere Stelle der Lehrabschluss und die Referenzen fehlen.
Als ich mit 18 noch kein geregeltes Einkommen hatte, musste ich aufs Sozialamt. Das Geld erhält man aber nicht einfach so: Ich musste arbeiten, in verschiedenen Beschäftigungsprogrammen. Dort flickte ich Velos oder arbeitete in der Schreinerei. Ich schrieb auch Bewerbungen, acht in der Woche. Aber es half nichts. Meine Kollegen wissen, dass ich vom Sozialamt lebe. Den Freunden meiner Eltern sage ich aber nichts. Ich möchte nicht, dass sie rumstochern. Es liegt ja nicht an meinen Eltern, dass ich keine Lehre gemacht habe.

Es geht wieder aufwärts
Jetzt geht es bei mir wieder etwas aufwärts. Ich weiss, ich habe es in der Hand, vom Sozialamt weg zu kommen. Ich spreche Leute auf Arbeitsmöglichkeiten an und bewerbe mich bei Temporärbüros. Mein Ziel ist es, eine feste Anstellung zu erhalten und nicht mehr am Existenzminimum leben zu müssen. Ich möchte gut über die Runden kommen, auch mal was auf die Seite legen. Früher sah ich immer das grosse Geld: 32 Franken Stundenlohn! Jetzt denke ich, lieber weniger verdienen, dafür etwas machen, was mir gefällt.»

Denis (Name geändert, Bild einer anderen Person verwendet) ist 20 Jahre alt und wohnt bei seiner Mutter in Zürich. Mit seiner Geschichte zeigt er Jugendlichen im Rahmen der Luutstarch-Workshops, was Armut in der Schweiz bedeutet.

 

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