Gelebte Solidarität

Jährlich setzen Menschen in der Schweiz über eine halbe Milliarde Stunden ihrer Freizeit für das Gemeinwohl ein. Auch aus eigennützigen Interessen. Theres Arnet Vanoni, Präsidentin BENEVOL Schweiz, über das solidarische Zusammenleben in der Schweiz.

Der Begriff «Solidarität» bezeichnet das starke Gefühl von Menschen, zusammenzugehören, sei es als Familie, als Gemeinde oder gar als Nation. Das solidarische Zusammenleben ist in der Schweizer Gesellschaft tief verankert und besonders in der Freiwilligenarbeit spürbar, wo sich Bürgerinnen und Bürger unentgeltlich für ihre Mitmenschen einsetzen. Dabei gestaltet sich deren freiwilliges Engagement sowohl vom Umfang als auch von der Art her so vielfältig, wie es unsere Gesellschaft‚ ist. Es gibt keine «typischen Freiwilligen». Die Bandbreite reicht vom Studenten, der via Internet kostenlose Aufgabenhilfe leistet, über die Mutter, die sich im Sportverein des Sohnes engagiert, bis hin zum Versicherungsfachmann, der Geld für den Tierschutz spendet, und zur jungen Frau, die sich für Kinder in Armut stark macht.

Grundpfeiler unserer Gesellschaft

Wir unterscheiden zwischen zwei Formen des freiwilligen Engagements: Geld- und Zeitspenden. Gemäss Bundesamt für Statistik spenden fast ˜75 Prozent der Schweizer Bevölkerung Geld oder Naturalien. Noch eindrücklicher: Jährlich leisten 1,5 Millionen Menschen in der Schweiz 665 Millionen Stunden freiwillig und unentgeltlich zum Wohle unserer Gesellschaft. Dies entspricht etwa der Anzahl Stunden, die in der Landwirtscha‚ft und in der öffentlichen Verwaltung jährlich gearbeitet werden. Zum einen engagieren sich die Personen durchschnittlich 13 Stunden pro Monat für formelle, institutionalisierte Freiwilligenarbeit in Bereichen wie Sport, Kultur, Bildung oder Politik, in kirchlichen oder sozialen Projekten. Zum anderen erbringen sie nochmals so viele Stunden für Hilfeleistungen an Nachbarn, Freunde und Bekannte.

Die Freiwilligenarbeit hat in der Schweiz folglich einen hohen Stellenwert. Sie bietet den Freiwilligen eine Plattform, sich für die Gemeinschaft‚ einzubringen und diese mitzugestalten. Diverse empirische Studien belegen zudem, dass das freiwillige Engagement der Bürgerinnen und Bürger die Armut reduziert, die Gesundheit und das subjektive Wohlbefinden verbessert, die ökonomische Produktivität erhöht und die politische Partizipation fördert.

Zunehmende Professionalisierung

Seit fünf Jahren nimmt das ehrenamtliche Engagement der Menschen in der Schweiz stetig zu. Gleichzeitig sind auch die Ansprüche an die Organisationen, Projekte oder Vereine gestiegen. Basierte früher die Motivation der Freiwilligen auf Selbstlosigkeit oder Pflichtgefühl, treten heute verstärkt auch eigene Interessen in den Vordergrund: Die freiwillige Tätigkeit soll Spass machen, Sinn stif‚ten, Kontakte mit Menschen und individuelle Weiterentwicklung ermöglichen. Einsatzorganisationen sind zunehmend gefordert, die Freiwilligenbegleitung zu professionalisieren, um das Potenzial der Freiwilligen auszuschöpfen. Dies bringt für alle Beteiligten Vorteile. So entwickeln Organisationen Angebote, deren Reichweite sie mithilfe von Freiwilligen multiplizieren. Ein konkretes Beispiel: Caritas betreibt seit einigen Jahren das Patenschaftsprojekt «mit mir». Die Führung des Projekts liegt bei Caritas, doch sind es die zahlreichen Freiwilligen, die letztlich benachteiligten Kindern Zeit und Aufmerksamkeit schenken. Caritas kann auf motivierte Freiwillige zählen; diese wiederum profitieren von sinnvollen Engagements und die betroffenen Familien von solidarischer Unterstützung.

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Text: Theres Arnet Vanoni, ‡Präsidentin BENEVOL Schweiz
Illustration: Achilles Greminger

«Gelebte Solidarität» ist der Fachartikel aus dem Caritas-Magazin «Nachbarn». Die ganze Ausgabe finden Sie » hier .

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2 Kommentare

  • Reply Marlies 30. Oktober 2015 at 18:40

    Es ist wunderbar zu hören, dass das ehrenamtliche Engagement gesamtschweizerisch zunimmt. Gerade auch mit Blick auf die aktuelle Flüchtlingssituation in Deutschland kann man sehen, wie wichtig der freiwillige Einsatz von tausenden von Freiwilligen ist.

    Andererseits finde ich es Schade, dass ich als alleinstehende Frau (2malige Mutter und 4malige Oma) Mühe haben, die zahlreichen mir immer schwerer fallenden Aufgaben zu erfüllen. Eine geeignete Hilfe zu bekommen, ist ein Ding der Unmöglichkeit geworden bzw. ich muss mehr und mehr auf kostenpflichtige Dienstleister zurückgreifen. Jeder Handgriff kostet Geld.

    Beispiel PC: Nachdem meine Enkel weggezogen sind, hab ich niemand mehr der mir hin und wieder mit meinem Computer helfen kann. Nun rufe ich bei http://www.ionas.ch an und da wird mir auch geholfen. Aber es ist halt doch was anderes, ob man eine Person in Fleisch und Blut hat, die man fragen kann, oder ob man bei einer Hotline anruft.

    Beispiel Haushalt: Früher kam ich gut mit der jungen Familie aus, die gegenüber wohnte. Der Marco und die Ursula waren auch beim Abendessen mal bei mir. Damit bedankte ich mich bei Ihnen für deren Unterstützung hier und da. Mit dem raschen Mieterwechsel ists nun viel annonymer geworden. Die Hemmschwelle jemand anzusprechen steigt und gefragt, ob man mir helfen könne, wurde ich auch noch nie.

    Ich habe das Gefühl, dass der im Artikel so betonte Begriff der Solidarität gerade auf direkter zwischenmenschlicher Ebene doch etwas unter die Räder kommt.

  • Reply CAR T-Cell | #csCH16 | #helpilayda | Leukämie | CD19-CAR T cells 4. März 2016 at 17:04

    […] Ein anderer Ansatz ist, dass wir bei einer Organisation freiwilligen Arbeit leisten (z.B. Caritas Zuerich). Wichtig ist natürlich (siehe Grafik unten), dass wir mehr Solidarität zeigen und Geld spenden. […]

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