«Ich wollte die Freiheit»

«Wie bist Du in die Schweiz gekommen?» Seit über zwanzig Jahren wird mir diese Frage gestellt, kaum habe ich einen Satz fertig gesprochen. «Mit dem Flugzeug», antworte ich meist.

«Es ist doch nur Neugier», schütteln meine Schweizer Freunde manchmal den Kopf. «Eben nicht», antworte ich darauf: Wäre Neugier dabei, würden sich andere Fragen besser eignen, zum Beispiel «Woher kommst Du?» oder «Wieso kommst Du?» und dann vielleicht ein Gespräch darüber, wie ich gelebt und was ich erlebt habe, bevor ich in die Schweiz gekommen bin. Aber für die meisten Menschen, welche mir diese Frage stellen, fängt mein Leben offensichtlich mit diesem einen Grenzübertritt an. Als hätte ich vorher nicht gelebt. Als wäre die Emigration nicht eine logische Folge dessen, was vorher stattfand. Als würde sich Interessantes und Bedeutungsvolles nur in der Schweiz abspielen. Dabei ist die Welt gross und die Schweiz klein, wie jede Weltkarte beweist.

«Du hast aber Glück»
Auch höre ich oft: «Du hast aber Glück, dass Du hier leben darfst.» – «Ja, das stimmt», antworte ich darauf. Und ich füge neuerdings hinzu: «Genauso wie Du das Glück hast, dass ich hier leben will. Denn ich kann auch woanders.»

Ein Leben in der sogenannten Heimat ist nicht wertvoller als eines, das an einem fremden Ort gelebt wird. Ein Leben, zu dem die Migrationserfahrung gehört, ist an und für sich nicht wertvoller als eines ohne. Migration ist ein Strauss an Erfahrungen und stets kommt es auf die Person an, was sie damit macht. Gewollt und gewählt ist Migration ein Lebenskonzept, das – wie andere Lebensentwürfe – einen Menschen formt. Deswegen sehe ich den freien Personenverkehr, den die EU ihren Bürgerinnen und Bürgern ermöglicht, als eine grosse Errungenschaft an: Er ermöglicht Individualität und gewährt ihr Raum – etwas, was die Schweiz immer mehr verhindern will.

Deswegen bin ich enttäuscht über den Umgang vieler Schweizerinnen und Schweizer mit den Einwanderern. Offensichtlich sehen sie Selbstbestimmung und individuelle Lebensgestaltung nicht als universelle Werte an, sondern als Werte, die einzig für sie gelten. Ich frage mich schon seit langem, wie sich diese hierarchische – und deswegen diskriminierende – Haltung mit der direkten Demokratie verträgt.

Selber bestimmen
Als ich vor gut 20 Jahren mein Land verliess, habe ich mich genau dagegen gewehrt: gegen die hierarchisch, nicht demokratisch definierten Grenzen der Freiheit. Ich wollte die Freiheit, über mein Leben selbst zu bestimmen. Ich wollte mir meine Perspektiven selber schaffen. Ich wollte ausprobieren, ob ich mich in einer Fremdsprache heimisch fühlen kann. Ich wollte wissen, wie weit ich es allein bringe, ohne die Begrenzungen, Bequemlichkeiten, ohne den Schutz der Konventionen und Traditionen meines Landes.

Ich bin in den Siebziger- und Achtzigerjahren in Danzig, Polen, aufgewachsen. In historischen Begriffen ausgedrückt erlebte ich: das Kriegsrecht 1981 und was dieses im täglichen Leben an Angst und Begrenzung bedeutete; die darauf folgende Zeit des Wirtschaftsembargos, welches die USA und Westeuropa über Polen verhängt haben und was dieses für die Zivilbevölkerung bedeutete; die Freiheitsbewegung und wie ihr Kampf die Stadt regelmässig lahmlegte; die sogenannte Wende, eine – aus polnischer Perspektive – jahrelange Revolution, die allein schon deswegen eine historische Leistung ist, weil sie sich in Form von Friedensgesprächen vollzog und keine Blutspur hinterliess.

Ich war dabei
Ich bin heute sehr glücklich darüber, dabei gewesen zu sein. Ich werde nie vergessen, wie sich gesellschaftliche Umwälzungen anfühlen. Wie viele Menschen beteiligt sein müssen, damit nachhaltige Veränderungen erreicht werden. Wie fragil die Übergangszeiten sind. Vor allem aber hat mich die Erfahrung geprägt, dass Wandel, auch ein radikaler, möglich ist. Dass man ihn herbeiführen kann, wenn man von seiner Richtigkeit überzeugt ist.

Mit diesen Erfahrungen im Gepäck konnte ich gar nicht anders, als in die Welt hinaus. Auf dem Weg begegnete ich Menschen aus aller Welt. Bis heute interessiert mich nicht, wie sie in die Schweiz gekommen sind, sondern woher und warum sie kommen. Sie bringen, im Durchschnitt, sehr viel mehr mit als Arbeitskraft und den Beitrag zu den Sozialwerken der Schweiz. Sie bringen Erfahrungen, Erinnerungen, Ideen, Perspektiven mit, die hier sonst fehlen.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Sozialalmanach 2015 von Caritas Schweiz mit dem Titel «Herein – alle(s) für die Zuwanderung», der hier vorbestellt werden kann.

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2 Kommentare

  • Reply achim kraus 13. März 2015 at 22:23

    Ich wollte und hatte auch die Freiheit. Die Schweiz hatte mich nicht weiter interessiert. Jetzt würde mich die Schweiz schon interessieren. Nun kann ich mir dies nach der verordneten deutschen Unfreiheit aber nicht mehr leisten.

    So kam es dazu:

    Getäuscht und aufgezwungen – die staatlichen Aufgaben der Leitung von Ermittlungen zur Sicherung von Beweismitteln gegen seine eigenen Arbeitgeber.

    Dazu die Ergebnisse einer Beschwerde beim Deutschen Bundestag mit welchen dieser nie glaubhaft machen konnte, sich mit meiner Petition ordentlich beschäftigt zu haben:

    Die Übertragung von Ermittlungen im Strafrecht als hoheitliche Aufgabe gegen seine eigenen Arbeitgeber kann aus Sicht des Petitionsausschusses des Deutschen Bundestages nicht beanstandet werden.

    Daraus kann er als Ermittler auch keinen Rechtsanspruch ableiten.

    Das Grundgesetz ist nicht dazu bestimmt insoweit seine subjektive Rechte zu schützen.

    Mit der Aberkenntnis grundrechtlicher Normen ein glatter Ausschluss aus der Gesellschaft.

    Suche seit Jahren irgendeine soziale Integration.

    kravder
    kravder@itmail.de

  • Reply achim kraus 13. März 2015 at 22:23

    Ich wollte und hatte auch die Freiheit. Die Schweiz hatte mich nicht weiter interessiert. Jetzt würde mich die Schweiz schon interessieren. Nun kann ich mir dies nach der verordneten deutschen Unfreiheit aber nicht mehr leisten.

    So kam es dazu:

    Getäuscht und aufgezwungen – die staatlichen Aufgaben der Leitung von Ermittlungen zur Sicherung von Beweismitteln gegen seine eigenen Arbeitgeber.

    Dazu die Ergebnisse einer Beschwerde beim Deutschen Bundestag mit welchen dieser nie glaubhaft machen konnte, sich mit meiner Petition ordentlich beschäftigt zu haben:

    Die Übertragung von Ermittlungen im Strafrecht als hoheitliche Aufgabe gegen seine eigenen Arbeitgeber kann aus Sicht des Petitionsausschusses des Deutschen Bundestages nicht beanstandet werden.

    Daraus kann er als Ermittler auch keinen Rechtsanspruch ableiten.

    Das Grundgesetz ist nicht dazu bestimmt insoweit seine subjektive Rechte zu schützen.

    Mit der Aberkenntnis grundrechtlicher Normen ein glatter Ausschluss aus der Gesellschaft.

    Suche seit Jahren irgendeine soziale Integration.

    kravder
    kravder@itmail.de

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