«Die Schweiz hat eine starke Integrationskraft»

Bundesrätin Simonetta Sommaruga kennt das Engagement von Caritas für die Migrantinnen und Migranten gut. In einem Interview mit Corinne Jaquiéry, Leiterin Caritas.Mag, spricht sie über Chancen und Herausforderungen der Migration.

Braucht die Schweiz die Migration wirklich?
Die Migration ist eine gegenseitige Bereicherung. In den letzten Monaten wurde die Migration vor allem aus wirtschaftlicher Sicht betrachtet. Für mich ist sie aber viel mehr als das. Migration ist ein Austausch, der eine Beziehung zwischen verschiedenen Personen schafft. Für eine Gesellschaft ist das fundamental. Es gibt in der Schweiz viele Arten von Migrantinnen und Migranten, unter anderem jene, die zum Arbeiten hierher kommen. Sie waren für uns immer ein Gewinn. Übrigens sind auch die Schweizerinnen und Schweizer selbst Migrantinnen und Migranten. Mehr als 400 000 von ihnen leben und arbeiten in den Ländern Europas. Dieser Austausch zwischen den Völkern ist etwas Grundlegendes. Ich wünsche mir, dass die Schweiz ein offenes Land bleibt.

Sind sich die Schweizerinnen und Schweizer bewusst, dass ihr Land aus der Migration entstanden ist und dass sie selbst oft einen Migrationshintergrund haben?
Vielleicht nicht genug. Wir haben fast alle eine Vorfahrin oder einen Vorfahren ausländischer Herkunft. Man darf auch nicht vergessen, dass die Schweiz ein Auswanderungsland gewesen ist. Vor nur 150 Jahren war unser Land sehr arm und die Menschen mussten hungern. Viele sind ausgewandert, um ein neues Auskommen zu finden. Die Richtung der Migration kann sehr schnell drehen. Ich denke da an Irland, das lange ein Auswanderungsland war. In den 90er-Jahren wurde es zum Einwanderungsland. Und heute, nach der Finanzkrise, verlassen die Irländerinnen und Irländer ihr Land auf der Suche nach Arbeit erneut Richtung Ausland.

Woher stammen Sie selbst?
Meine Familie ist aus dem Tessin, aber unsere Vorfahren sind aus Italien eingewandert. Darüber hinaus habe ich eine französische Grossmutter, die während des ersten Weltkriegs in die Schweiz geflüchtet ist. Wie viele Schweizerinnen und Schweizer habe ich also eine Familie mit Migrationshintergrund. Das ist fantastisch. So konnte ich schon sehr früh Französisch und Italienisch lernen. Die Migrantinnen und Migranten, die in die Schweiz gekommen sind, konnten hier immer Sicherheit finden und zu Wohlstand kommen. Das beeinflusst unser Leben noch heute.

Als Bundesrätin symbolisieren Sie also eine gemischte Schweiz?
Die Schweiz hatte immer eine enorme Integrationskraft, denn sie ist selbst multikulturell. Unser Land besteht aus Minderheiten. Es ist ein mehrsprachiges Land, das zu kommunizieren versteht. Es ist unsere Stärke, trotz den Unterschieden zusammen etwas zu schaffen.

Wie soll Befürchtungen vor einem Zerfall der nationalen Identität entgegengetreten werden?
Zuerst müssen wir schauen, wo diese Befürchtungen ihren Ursprung haben. In meinen Augen hängen sie nicht nur mit der Migration zusammen, sondern auch mit der Globalisierung und dem raschen Fluss der Informationen. Die Globalisierung hat viele Vorteile, aber die identitätsstiftenden Elemente können in Frage gestellt werden. Personen, die sich fragen, was ihnen das alles bringt, wie sich ihre Lebensqualität dadurch steigert, kann ich verstehen. Im Gespräch mit den Bürgerinnen und Bürgern konnte ich zum Beispiel spüren, wie sehr sie an der typisch schweizerischen Landschaft wie den Bergen und Weiden hängen. Diese Elemente stiften unsere Identität, und wir müssen Sorge dazu tragen.

Für Sie ist die Raumplanung also wichtig?
Das Thema beschäftigt die Bevölkerung. Und wir haben in der Vergangenheit zugegebenermassen den Fehler begangen, nicht die nötigen Massnahmen zu ergreifen. Die Leute sind besorgt darüber, dass Familien fast keine erschwinglichen Wohnungen mehr finden. Sie fragen sich, ob die Mobilität nicht eingeschränkt werden sollte. Das sind alles stichhaltige Fragen, die man sich tatsächlich stellen muss. Man darf aber nicht die Einwanderung oder die Ausländer für alle Übel verantwortlich machen.

Wie sollte man vorgehen?
Wir können selbst entscheiden, wie wir das Wachstum steuern wollen. Das Volk hat dem Bau von Zweitwohnungen Grenzen gesetzt. Es ging dabei nicht in erster Linie um Migration, sondern darum, wie in Zukunft gebaut werden soll. Ein anderes Beispiel: Der Kanton Zug verzeichnete ein sehr starkes Wirtschaftswachstum, die Regierung hat aber festgestellt, dass die Bevölkerung keinen Wohnraum mehr im Kanton finden konnte. So hat sich der Kanton einen Richtplan gegeben und damit festgehalten: die Landschaft und die Lebensqualität zählen, die Bevölkerung muss vom Richtplan profitieren können. Diese Richtung sollte die Schweiz meiner Meinung nach einschlagen.

Was ist Ihre Meinung zu den neuen Migrationsbewegungen von Migrantinnen und Migranten, die aus den Ländern Südeuropas wieder in die Schweiz zurückkehren?
Die meisten Menschen bleiben am liebsten in ihrer Heimat. Aber wenn sie für sich und ihre Familie keine Perspektiven sehen, versuchen sie ihr Glück im Ausland. Man darf nicht vergessen, dass die Europäische Union auch ein Integrationsmotor ist und dass sie eine unglaubliche Entwicklung ermöglicht hat. Die EU ist ein grosses Friedensprojekt. Zurzeit aber herrscht eine Wirtschaftkrise und alles scheint in Frage gestellt zu werden. Spanien zum Beispiel verzeichnete ein starkes Wachstum, aber es war nicht nachhaltig. Das Ziel muss ein nachhaltiges Wachstum sein. Nicht nur ökologisch, sondern auch sozial und wirtschaftlich nachhaltig. Das ist eine grosse Herausforderung.

Macht die Schweiz Ihrer Meinung nach genug für die Integration?
Die Schweiz kann gut integrieren, aber sie kann sich immer noch verbessern. In diesem Zusammenhang schätze ich das Engagement des Hilfswerks Caritas, das ich gut kenne, ausgesprochen. Hier wird Wichtiges für die Allgemeinheit geleistet. Wenn die Migrantinnen und Migranten verstehen, wie das Land funktioniert, welche Regeln und Werte hier gelten und wieso sich die Schweizerinnen und Schweizer so oder anders verhalten, fällt die Integration leichter. Und um zu verstehen, muss man zuerst die Sprache verstehen. In diesem Bereich besteht noch Verbesserungspotenzial. Integration funktioniert über die Frauen. Sie werden aber schnell einmal vergessen, weil sie oft zuhause bleiben. Man muss sie da herausholen. Es ist unbestritten, dass viele Veränderungen über die Frauen erreicht werden, die sie ihren Kindern vermitteln. Der Bund und die Kantone haben sich Ziele zur Unterstützung der Integration gesteckt. Die Integration im frühen Alter, vor dem Schuleintritt, ist ein Teil davon.

Simonetta Sommaruga ist am 14. Mai 1960 in Zug geboren und im Aargau aufgewachsen. Nach ihrer Ausbildung zur Pianistin war sie in verschiedenen Ländern als Konzertpianistin tätig und unterrichtete am Konservatorium Fribourg. 1993 wurde sie zur Geschäftsführerin der Stiftung für Konsumentenschutz ernannt, von 2000 bis 2010 war sie deren Präsidentin. Von 1999 bis 2003 war sie im Nationalrat. Ab 2003 bis 2010 vertrat sie den Kanton Bern im Ständerat. Am 22. September 2010 wurde Simonetta Sommaruga von der Vereinigten Bundesversammlung in den Bundesrat gewählt. Seit dem 1. November 2010 ist sie Vorsteherin des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements.

ähnliche Artikel

1 Kommentar

  • Reply ruf 13. Dezember 2015 at 16:58

    Somit ist BR Sommaruga erst 55/56 Jahre alt und kann uns noch viel Ungemach bescheeren.

    Wie man liest, hat sie einen Migrationshintergrund im Gegensatz zu den anderen Bundesräte, was ihr Engagement in ihrem Departement erklären kann.

  • Rückmeldung hinterlassen