«Manchmal bin ich einfach nur noch müde»

Knapp Fr. 1000.- im Monat: Das erhalten Sozialhilfebeziehende vom Sozialamt zur Deckung ihres alltäglichen Bedarfs – vom Brot über die Zahnpasta bis hin zum Telefonabonnement und Kinobesuch. Drei Gespräche mit Betroffenen über ein Leben mit in vielerlei Hinsicht eingeschränkten Möglichkeiten.

Wenn Marina Babic* zu erklären versucht, was Armut bedeutet, erzählt sie von jenem Abend. Sie kam damals auf dem Heimweg von der Arbeit an einem Restaurant vorbei und sah durchs Fenster die Menschen an ihren Tischen sitzen, essend, trinkend, plaudernd. Marina Babic war müde und hungrig und besass noch genau zwanzig Franken, die bis Ende Monat reichen mussten. Sie blickte auf die Gäste und fühlte eine grosse Einsamkeit in sich aufsteigen. Dann ging sie weiter, nach Hause, zu ihren beiden Kindern.

Marina Babic hat ihren Mann nach Aufenthalten im Frauenhaus vor neun Jahren verlassen und ist heute geschieden. Die 35-Jährige arbeitet Teilzeit, im Stundenlohn. In guten Monaten liegt das Familieneinkommen bei Fr. 3800.-, in schlechteren bei rund Fr. 3000.- – Kinderrenten miteingerechnet. Davon entfallen Fr. 1600.- auf die Wohnungsmiete. Die Suche nach einer günstigeren Wohnung ist schwierig, da Marina Babics Betreibungsregisterauszug zeigt, dass sie eine Zeitlang nicht allen Verpflichtungen nachkommen konnte.

Verzicht auf Sozialhilfe

Armut hat viele Gesichter. In der Schweiz leben knapp sechshunderttausend Menschen in finanziell prekären Verhältnissen; viele von ihnen sind wie Marina Babic alleinerziehend. Als arm gilt, wer unter dem Existenzminimum lebt, und so nebst Miete und Krankenversicherung rund Fr. 33.- für Essen, Kleidung, Hygiene, öffentlichen Verkehr, Telefon, Fernsehen und Internet zur Verfügung hat.

Familie Babic muss an vielen Tagen mit noch weniger Geld auskommen. Früher bezog sie deshalb ergänzende Sozialhilfe. Heute sieht Marina Babic davon ab – vom Migrationsamt hat sie erfahren, dass sonst ihre Aufenthaltsbewilligung widerrufen werden könnte. Und ihr grosses Ziel, der Erhalt einer Niederlassungsbewilligung, wäre erst recht unerreichbar. Obwohl Marina Babic bereits vor 13 Jahren aus Kroatien in die Schweiz gekommen ist, verfügt sie nach wie vor erst über eine B-Bewilligung, die jährlich erneuert werden muss. Dies verringert ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Marina Babics Alltag wird dominiert von der Frage, wie sie ihre Rechnungen bezahlen kann. Ihr Kopf sei immer gefüllt mit Zahlungsterminen, sagt sie. «Ich bin zur Ökonomin geworden. Aber manchmal bin ich einfach nur noch müde.» Immer wieder rafft sie sich auf. Denn ihre Kinder sollen möglichst wenig mitbekommen von den finanziellen Problemen.
Marina Babics Tochter bestand die Aufnahmeprüfung ans Gymnasium, und auch der neunjährige Sohn ist ein guter Schüler. Darüber ist sie sehr glücklich. Gleichzeitig macht sie sich Sorgen. «Könnte es sich negativ auf ihre weiteren Chancen auswirken, dass wir so wenig Geld haben?» Als die Tochter in den ersten Tagen am Gymi eine Rechnung über mehrere hundert Franken heimbrachte, für diverse Schulbücher, war Marina Babic der Verzweiflung nahe. Eine Bekannte riet ihr, sich an die Caritas zu wenden, welche die Rechnung dann bezahlte und der Familie beratend zur Seite stand.

Der Lohn reicht nur im Sommer

Regula Baumann* ist fast 25 Jahre älter als Marina Babic. Vor neun Jahren starb ihr Partner, Kinder hat sie keine. Auch sie hat ein unregelmässiges Einkommen. Sie trägt Zeitungen aus, hilft im Gewerbebetrieb des Bruders mit und freut sich jeweils auf die Badesaison, weil sie dann zusätzlich noch im Strandbad arbeitet und damit auf einen Lohn kommt, von dem sie leben kann.
Im Winterhalbjahr beträgt ihr monatliches Einkommen oft nur Fr. 1500.-, davon gehen Fr. 900.- für die Wohnungsmiete weg und die Krankenkassenprämie will auch noch bezahlt sein. In diesen Monaten erhält Regula Baumann ergänzende Sozialhilfe. «Wie lange das noch möglich ist, weiss ich nicht», sagt sie. «Denn eigentlich verlangt das Sozialamt von mir, dass ich mir die zweite Säule auszahlen lasse und meinen Lebensunterhalt auf diese Weise finanziere. Aber für mich kommt das nicht in Frage!» Sie fürchtet, sonst im Rentenalter in chronischer Armut leben zu müssen. Caritas unterstützt sie nun in der Auseinandersetzung mit dem Sozialamt.

Schwierige Jahre bis zur Pensionierung

Fast 20 Jahre lang hatte Regula Baumann bei einer grossen Telekommunikationsfirma gearbeitet – bis neue Kopfhörer eingeführt wurden, die bei ihr ein heftiges Ekzem an den Ohrmuscheln auslösten. Nach langer Leidenszeit verlor sie ihren Job. Eine neue Festanstellung hat sie seither trotz unzähliger Bewerbungen nicht mehr gefunden. Mit bald sechzig Jahren kommt Regula Baumann das langsam näher rückende Rentenalter wie eine Erlösung vor. «Wenn ich pensioniert bin, möchte ich als Freiwillige in Sozialbetrieben arbeiten. Zum Beispiel in einem Caritas-Laden.»

Vierbeinige Seelentröster

Jeannine Roth* lebt ebenfalls alleine – und doch nicht ganz. Denn sie teilt ihre Zweizimmerwohnung mit fünf sehr gepflegten Katzen und vielen bunten Zierfischen. In der Stube stehen neben einem Fernseher diverse kleine Aquarien auf dem Regal. An der Wand hängen Teppiche mit Katzensujets, die Jeannine Roth in der Tagesklinik geknüpft hat, welche sie eine Zeitlang besuchte. Vor zwei Jahren hatte sie einen Nervenzusammenbruch, seither kämpft sie mit Depressionen und ist arbeitsunfähig. Nach wie vor ist sie in psychologischer Behandlung; die IV-Abklärung läuft. Zuletzt hatte sie in einem Altersheim als Pflegehelferin gearbeitet.
Seit vergangenem Sommer ist Jeannine Roth ausgesteuert und lebt von der Sozialhilfe. Das Futter für ihre Katzen und die Fische muss sie von den für sie selber gedachten CHF 900 Grundbedarf bezahlen. Die Tiere seien ihr Luxus, sagt sie und lächelt. «Andere geben Geld für Zigaretten aus.» Wenn sie für sich selber Lebensmittel einkaufen geht, sucht sie konsequent nach herabgesetzter Ware.

Ein Leben ohne Katzen kann sich die Mutter zweier Teenager-Töchter, die beide in Pflegefamilien aufwachsen, nicht vorstellen. «Sie sind meine Seelentröster.» Die Katzen helfen ihr, mit ihrer Lebenssituation klarzukommen. Zudem tue es ihr gut, für ihre Tiere zu sorgen, sagt Jeannine Roth. Dank dieser Aufgabe wird die viele freie Zeit, die sie zur Verfügung hat, nicht zur grossen Leere. Dass Caritas ihr gelegentlich unter die Arme greift, bedeutet ihr viel.

*Namen geändert

Text: Ursula Binggeli, Bilder: Zoe Tempest

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