Armut – aber bitte mit Echtheitszertifikat

Bei uns gibt es die Sozialhilfe. Sind also nur die Armen in Drittweltländern echt arm? Eine verbreitete Meinung, die zu kurz greift.

Gestern verkündete das Bundesamt für Statistik, dass die Zahl der Working Poor abgenommen hat.  Das freut uns! Kurz darauf hat jemand unter einen Online-Zeitungsbericht dazu den Kommentar gesetzt, dass in der Schweiz «weniger gut verdienende mit Hilfe des Sozialamtes ein halbwegs vernünftig komfortables Leben führen können», wobei nicht genauer erläutert wird, was «komfortabel» ist – vielleicht reicht da schon, dass bei uns niemand verhungert, was wir natürlich auch begrüssen. Und «echte Armut», so schreibt der Kommentator, habe er in Drittweltländern erlebt.

Wann ist Armut Armut?
Was Armut ist und was nicht, und das ist jetzt nicht föderalistisch/kantönligeistmässig gemeint, ist von Land zu Land verschieden, weil sie sich aus den allgemein herrschenden Lebensumständen definiert; sie ist relativ. Einer Alleinerziehenden, die hier arm ist, zu sagen, sie könne ja froh sein, weil sie schliesslich nicht zu verhungern brauche, hilft ihr wahrscheinlich nicht. Das ist, um ein meiner Meinung nach wirklich schönes Beispiel einer ehemaligen Mitarbeiterin zu zitieren, wie wenn Sie zum Arzt gehen, mit, sagen wir mal, schweren Migräne-Anfällen, die Sie so einmal im Monat zwei, drei Tage ausser Gefecht setzen. Und der Arzt sagt dann zu Ihnen: «Ach Herr Müller, das bisschen Kopfweh, in der Dritten Welt, das sag‘ ich Ihnen, da habe ich aber echte Kranke gesehen, da gab’s welche, die mussten sogar sterben! Hier in der Schweiz können Sie doch mit Hilfe Ihrer Krankenkasse komfortabel massenhaft Schmerzmittel schlucken, und das bisschen Nebenwirkungen werden Sie wohl auch noch verkraften können, gell? Und jetzt schicken Sie doch mal gleich den nächsten Patienten rein, wenn Sie rausgehen. Schönen Tag noch!»
Das freut uns dann weniger. Echt.

 

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