Reales Leben: nicht alle können arbeiten, obwhl sie wollen.

Reales Leben zwischen Buchdeckeln

Der neuste Sozialalmanach von Caritas Schweiz und das Caritas Forum 2017 handeln von unserer Arbeitswelt. Doch hinter den Zahlen und Trends stehen reale Menschen.

«Ich will arbeiten!»

«Was soll ich die nächsten 16 Jahre bis zur Pensionierung tun? Weiter endlose Bewerbungen verschicken? Soll ich mich als Praktikantin bewerben, damit ich noch etwas lernen kann? Soll ich mich als Freiwillige melden? Ich will arbeiten! Einfach damit ich weiss: Ich kann noch etwas. Ich will fähig bleiben.»
Es sind Sätze wie diese, mit denen sich das reale Leben in meinem Büro meldet. Es sind Sätze, die den Begriffen, Zahlen und Daten, mit denen wir täglich operieren, ein Gesicht geben: «Sozialabbau», «so viel Ausgesteuerte wie seit 10 Jahren nicht mehr», «Kürzungen beim Grundbedarf».

«Über Nacht wurde ich obdachlos.»

Dabei sind diese Sätze nur ein paar Worte, in einem schön herausgegebenen Sozialalmanach 2017 gefangen, zwischen den hoch ästhetischen Bildern des Filmes «La nuit de l’Ours» eingestreut.
«Ich war jemand, der eine Firma hatte und alles. Leider ging ich in Konkurs, na ja, pleite halt. Ich hatte eine Frau, Kinder, ein Haus, ein normales Leben, wie viele Leute. Ich musste mich schnell vom Besitz trennen. Über Nacht wurde ich obdachlos. Ich habe in Parkhäusern geschlafen, in Kirchen, na ja… Ich kam zurecht. Du hast keine Zukunft, keine Projekte, Du lebst in den Tag hinein.»

Worin genau bestand der Fehler?

Manchmal wecken Sätze wie diese in mir Angst. Sie zeigen, wie brüchig und unsicher die vermeintlich etablierte Ordnung der sozialen Sicherheit ist, auch in einem so stabilen und sicheren Land wie die Schweiz. Ich halte dann inne und suche nach Hinweisen, warum diese oder jene Person auf der Strecke geblieben ist: Was hat sie falsch gemacht? Welche Weiche hat sie falsch gestellt?

Warum sind diese Schicksale real?

Vor allem aber wecken solche Sätze und Worte Wut in mir. Wut darüber, dass diese Schicksale überhaupt real sind. Die Wut wird nicht kleiner, wenn ich gleichzeitig die Daten zum Wirtschaftswachstum und Kapitalwachstum aufbereite, oder wenn ich die optimistischen Einschätzungen zur Arbeitsmarktentwicklung mancher Autorinnen und Autoren des Sozialalmanachs lese.

Besteht das System nicht aus individuellen Fällen?

Wo ist diese Fachkräfteinitiative, frage ich mich dann, von der die Medien so gern berichten? Warum finden diese Frauen und Mütter keine Arbeit, wo ich in beinahe jedem Interview mit einem Wirtschaftsvertreter lese, wie sehr man ihre Kompetenz braucht? Wieso kaufen die Menschen aus den Sozialalmanach-Texten im Caritas-Markt ein, wo sie teilweise eine Arbeitswoche von 60 Stunden haben? «Das sind individuelle Fälle», höre ich manchmal jemanden ausweichend antworten, «das kann man doch nicht verallgemeinern.» Ich habe da meine Zweifel. Schliesslich ist dieses System auf und aus individuellen Fällen gebaut.

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» Mehr Informationen zum Sozialalmanach 2017 «Recht auf Arbeit»

» Caritas Forum 2017: Recht auf Arbeit, Anmeldung und Programm

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