Wenn Reiche ins Grübeln kommen

In unserem Land werden Armutsbetroffene gerne ignoriert. Sie seien ja, so behauptet ein bekannter Reicher, sowieso «reiche Arme».

Auch als Mitarbeiter einer Hilfsorganisation mache ich manchmal etwas völlig unprofessionelles: Ich gebe jemandem auf der Strasse Geld. Für etwas zu essen, ein dringend benötigtes Bahnbillett. Und mir ist dabei völlig klar, dass statt etwas zu essen dann vielleicht etwas zu trinken gekauft wird, und dass der Gehalt an Vitaminen oder anderen gesundheitsfördernden Bestandteilen dabei nicht wirklich im Vordergrund steht.

Aber auch bei mir steht Gesundheitsförderung in diesem Moment nicht im Vordergrund. Ich finde Betteln ein hartes Geschäft: morgens am Stauffacher von einem Passanten zum nächsten, und dabei ein Nein nach dem anderen kassieren. Meine Spende ist, so kommt’s mir jeweils vor, nicht der Zweifränkler oder der Fünfliber, sondern der Blickkontakt und das Erstaunen darüber, nicht einfach ignoriert zu werden.

Armut wird ignoriert
Die Armutsbetroffenen vom Stauffacher sind nicht repräsentativ für die Armutsbetroffenen in der Schweiz. Aber das Ignoriertwerden ist typisch. Vorletzten Sonntag kam in einer Kolumne der Schweiz am Wochenende ein Mann ins Grübeln, dessen Vermögen von der «Bilanz» auf 150 Millionen Franken geschätzt wird. Oswald Grübel, ehemaliger Konzernchef der UBS, zeigte sich von den Armutszahlen des Bundesamtes für Statistik «überrascht» und folgerte aus der Armutsgrenze von 2‘200 Franken, dass wir in der Schweiz «reiche Arme» hätten. Dass das für viele Menschen ein Schlag ins Gesicht ist, wird er sich kaum bewusst gewesen sein – er sinnierte dann weiter, dass mit dem Absenken der Preise auf das Niveau des angrenzenden Auslands die Probleme gelöst sein dürften.

Am Niveau schrauben
Schön wär’s. Günstigere Lebensmittel sind sicher hilfreich. Aber was Familien vor allem brauchen, sind Perspektiven. Für sich, und noch mehr für ihre Kinder. Und die Möglichkeit, dazugehören und mitmachen zu können in unserer Gesellschaft. Wir empfehlen deshalb, nicht in erster Linie am Preisniveau zu schrauben, sondern am Bildungsniveau: Alle sollen ihre Chance bekommen! Damit mittel- und langfristig immer weniger Menschen in der Schweiz über einem leeren Portemonnaie ins Grübeln kommen.

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1 Kommentar

  • Reply Urs Rösli 28. Juli 2014 at 19:05

    Lieber Herr Wirz

    Heute habe ich Ihren Artikel gelesen und stimme mit Ihnen in allem überein.

    Dieser Satz hat mich berührt: „Meine Spende ist, so kommt’s mir jeweils vor, nicht der Zweifränkler oder der Fünfliber, sondern der Blickkontakt und das Erstaunen darüber, nicht einfach ignoriert zu werden.“ Es ist ein schwieriger und schleichender Prozess, sich ans ignoriert werden zu gewöhnen….

    Was Herr Grübel in seiner Kolumne schreibt zeigt einfach, dass er wie die meisten reichen Menschen in der Schweiz den Bezug zum Alltag verloren haben. Ich bin überzeugt, Herr Grübel hat keine Ahnung, was die alltäglichen Dinge in der Schweiz kosten. Für die Einkäufe wird er sein Dienstpersonal haben.

    Lieben Gruss

    Urs Rösli

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