Retos gefährliche Reise

Die Situation in der Heimat ist so schlimm wie noch nie. Reto muss fliehen und macht sich auf zu einer gefährlichen Reise. In Afrika will er sein Glück versuchen.

Es war ein hartes Jahr gewesen. Härter noch als die Jahre davor. Es hatte viel geschneit auf der Innerschweizer Alp und die Vorräte für Mensch und Tier waren schnell zur Neige gegangen. Wirklich schlimm waren aber jene bewaffneten Banden aus Söldnern und religiös motivierten Kriegern, die plötzlich auftauchen und Blutbäder anrichten konnten. Geld hatte man nach der grossen Krise kaum mehr. Die Hoffnung auf eine Verbesserung der Umstände schwand von Woche zu Woche.

Schliesslich kam der Familienrat überein, dass Reto, der älteste Sohn, die Alp mit dem restlichen Geld verlassen und losziehen solle. Aber nicht in die Stadt sondern in ein Land, von dem man hörte, es sei intakt, sicher und menschenfreundlich. Ein Land im fernen Afrika.

Reto, jung, gesund und seiner Familie verpflichtet, wollte die Reise auf sich nehmen. Er wollte in Afrika arbeiten, Geld verdienen, es nach Hause schicken und erst dann wieder zurückkehren, wenn sich die Lage in der Schweiz gebessert hatte.

Dank Bestechung und mit Glück und Ausdauer schaffte es der Schweizer bis nach Sizilien. Dort fanden er und sein Reisekumpan, ein Junge aus dem Schächental, einen Schlepper, der ihnen das letzte Geld abnahm. In einer mondlosen Nacht bestiegen sie einen Kahn in dem sich schon viele Menschen befanden.

Eng aneinander mussten sie vier Tage lang hocken. Schnell waren die Knie und Beine aufgerieben und die Gelenke wurden steif. Das salzige Wasser des Meeres mischte sich mit Urin und Kot und brannte in den Wunden. Ein unerträglicher Gestank legte sich auf die Atemwege.

Als einer der ersten starb der Junge aus dem Schächental, den man über Bord warf.

Als die Polizisten den Kahn mit den Europäern an Bord aufbrachten, vegetierten die meisten der Bootsflüchtlinge nur noch vor sich hin. Reto musste in ein Krankenhaus gebracht werden. Als er reisefähig war, wurde er nach Europa abgeschoben.

Seine Familie in der Schweiz hat schon lange nichts mehr von Reto gehört.

Text: Paul Steinmann, Illustration: Samuel Jordi

ähnliche Artikel

1 Kommentar

  • Reply marten 3. Mai 2015 at 14:39

    Zu diesem Szenario gibt es auch einen interessanten Film: http://africa.paradis.free.fr

  • Rückmeldung hinterlassen