Solidarität: zwei Frauen, ein Anliegen

Sich solidarisch zeigen durch Handeln: Wir haben mit Petra Felder und Gabi Holenstein zwei Frauen getroffen, die freiwillig bei Caritas mitarbeiten. Wir wollten von ihnen wissen, wie sie sich von den tiefen Einblicken in das Leben anderer abgrenzen und was Solidarität im Alltag für sie bedeutet.

Als wir an diesem Montag in Escholzmatt ankommen, läuten die Kirchenglocken und ein warmer Sommerabend bricht an. Pünktlich fährt der Zug weiter, es bleibt die ländliche Stille. Zu sehen sind einzig zwei Syrer, die sich leise unterhalten, während in der Schweiz hitzig darüber debattiert wird, was man mit diesen Menschen, den Flüchtlingen, tun soll. Petra Felder ist 42— Jahre alt und Lehrerin von Beruf. Sie arbeitet Teilzeit und wohnt mit den beiden Kindern und ihrem Mann in Escholzmatt. Für sie ist klar: Diesen Menschen soll man helfen. Und das sagt sie nicht nur, sie tut es auch.

Alltag statt Ausnahmezustand

Seit fast zwei Jahren begleitet Petra für Caritas eine vierköpfige Flüchtlingsfamilie aus Syrien. Der Anfang war streng, gibt Petra offen zu. Während Vater Hakim* bereits sehr gut Deutsch konnte, sprach die Mutter Alima* nur gebrochen, der Austausch fiel schwer. Petra gab nicht auf und hielt an den wöchentlichen Treffen fest. Sie versuchte ihr neues Engagement und ihren Umgang mit der syrischen Familie so natürlich wie möglich zu gestalten und in ihren Alltag zu integrieren. Der gegenseitige Respekt, sich zu achten und zu unterstützen, ist ihr wichtig – denn das ist es, was Petra unter Solidarität versteht. Und so kommen Alima und ihre beiden Söhne einfach mit, wenn Petra mit ihren Kindern in die Bibliothek geht. Sie hilft‚ den dreien beim Lesen und bei der Bücherauswahl, erzählt und erklärt, wie die Bibliothek und die Schweiz funktionieren. Am Wochenende besuchen die beiden Familien manchmal gemeinsam die Fussballturniere der Kinder. Sie sind für Hakim und Alima eine Chance, neue Kontakte zu knüpfen.

Wenn Unwissen schmerzt

Die beiden Söhne von Alima und Hakim sind im Dorf integriert. Sie kommen in der Schule mit, lernen fleissig Deutsch und spielen im Fussballclub mit. Etwas schwerer fällt es den Eltern. Hakim arbeitet 80­ Prozent, aber die Arbeitszeiten sind unregelmässig, der Arbeitsweg ist lang. Ihn unterstützt Petra bei der krä‚ftezehrenden Suche nach einer Vollzeitstelle in der Nähe. Alima versucht ebenfalls neue Leute kennenzulernen und ihr Deutsch zu verbessern. Sie geht zum Beispiel regelmässig in den Damenturnverein. Ihre
Eltern und Brüder, die Menschen, die ihr am nächsten wären, leben jedoch in Syrien. Manchmal hat sie tagelang keinen Kontakt zu ihnen. Das ist nicht einfach auszuhalten – auch für Petra nicht. «Ich muss mich abgrenzen», sagt sie. «Ich wertschätze jetzt unser Leben bewusster, obwohl ich auf früheren Reisen schon vieles gesehen habe. Wir diskutieren in der Familie darüber und ich hoffe, ich kann meinen Kindern etwas mitgeben.» Ist sie sich bewusst, dass sie solidarisch handelt? «Am Anfang ja, aber das ist inzwischen in den Hintergrund gerückt.» Aus einer Aufgabe, verbunden mit einem leisen Pflichtgefühl, wurde eine Freundschaft. Und es ergaben sich viele gute Gespräche im Zusammenhang mit ihrem freiwilligen Engagement, denn sie entschied sich bewusst, über ihre Erfahrungen zu sprechen. «Auch als Lehrerin möchte ich meine Schüler teilhaben lassen. Ich stelle immer wieder fest, dass wir nicht aufgeklärt sind. Viele denken, die Flüchtlinge seien faul, und vergessen dabei, dass sie o‚ftmals gar nicht arbeiten dürfen, dass sie von einem Ort zum nächsten geschoben werden.» Die gemeinsame Zeit mit der syrischen Familie empfindet sie als schön und lehrreich. Und empfehlen würde sie einen solchen Einsatz ohne Vorbehalt jedem.

Vom Schreibtisch in den Verkauf

Wir treffen Gabi Holenstein am Bahnhof Bern, quasi auf der Durchreise. Denn die 77˜˜-Jährige war am Tag zuvor an der Expo in Mailand, und morgen geht’s nach Zürich, wo sie eine krebskranke Freundin besucht. Gabi Holenstein wurde 1938 in Ostpreussen als Tochter von Auslandschweizern geboren. Die Familie flüchtete am Ende des Zweiten Weltkrieges in die Schweiz, wo Gabi Holenstein als ältestes von acht Kindern aufwuchs. Zuletzt arbeitete sie als Personalchefin in einem Bundesbetrieb. Seit Jahren ist sie pensioniert und hat heute mehr zu tun als damals, als sie noch berufstätig war. Gabi Holenstein lief im Dezember —­­zufällig am Caritas-Markt in Bern vorbei und dachte zuerst, es sei ein neues Tearoom, schliesslich stand da ein einladender Tisch draussen. Sie betrat neugierig den Laden und fragte spontan, ob sie mithelfen könne. Seither arbeitet sie zwei Mal im Monat mit. Solidarität bedeutet für sie, dass man sich für andere einsetzt, sie mitträgt, für sie da ist. Deshalb füllt sie im Caritas-Markt Regale auf, packt Backwaren in Plastiksäcke ab, räumt um und ein, büschelt das Gemüse, putzt.

Kein Markt der unbeschränkten Möglichkeiten 

Gabi Holenstein erhält Einblicke in fremde Leben und Kulturen. Ihre Kunden kommen nicht nur aus der Schweiz, sondern aus der ganzen Welt. «Die meisten sind sehr herzlich und offen. Wenn ich länger nicht da war, fragen sie, wo ich war, wie es mir geht.» Und wenn aus der Kaffeepause eine Deutschstunde wird, gerade wenn die Mitarbeitenden aus dem Arbeitsintegrationsprogramm da sind, gibt es viel zu lachen. Aber nicht nur. Wer im Caritas-Markt einkauft, kämp‚ft mit finanziellen Problemen. Dazu gehören Bezügerinnen und Bezüger von Ergänzungsleistungen, Arbeitssuchende oder Working Poor. Über die jeweiligen Lebensumstände wird nicht viel gesprochen. Manches schmerzt aber auch ohne Worte. Es fällt schwer, zu sehen, wie Kunden ihr Geld genau abzählen – und auch mal Einkäufe wieder zurücklegen. «Das holt mich auf den Boden der Realität zurück und es tut mir Leid. Ich versuche jedoch, mich abzugrenzen und die Erlebnisse nach Feierabend im Laden zu lassen.» Warum aber macht sie das, sie, die zeit ihres Lebens berufstätig war? Möchte sie sich nicht einfach entspannen? «Es geht mir gut und dafür bin ich dankbar. Und solange ich noch kann, möchte ich mich denen gegenüber solidarisch zeigen, die meine Hilfe brauchen können. Die Zeit totschlagen kann ich später.»

*Namen zum Schutz der Personen geändert

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Text: Karin Rechsteiner‡
Bilder: Zoe Tempest in Zusammenarbeit mit Barbara Rusterholz

«Solidarität: zwei Frauen, ein Anliegen» ist der Hauptartikel aus dem Caritas-Magazin «Nachbarn». Die ganze Ausgabe finden Sie » hier.

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3 Kommentare

  • Reply Richard Bachmann 20. Oktober 2015 at 16:30

    Hi Caritas Züri

    Die URL dieses Blog-Beitrags ist leider mit einem Sonderzeichen versehen. Der Beitrag kann so nicht so gut „geteilt“ werden.

    Grüsse
    Richi

    • Reply Sophie 20. Oktober 2015 at 17:12

      Lieber Richi

      Ich habe die URL angepasst. Funktioniert’s nun besser?

      Herzlichen Gruss
      Sophie

  • Reply CAR T-Cell | #csCH16 | #helpilayda | Leukämie | CD19-CAR T cells 4. März 2016 at 17:00

    […] anderer Ansatz ist, dass wir bei einer Organisation freiwilligen Arbeit leisten (z.B. Caritas Zuerich). Wichtig ist natürlich (siehe Grafik unten), dass wir mehr Solidarität zeigen und Geld […]

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