Wenn die Sprache Herzen öffnet

Wie sehr eine gemeinsame Sprache verbindet, nicht nur sprachlich, sondern auch emotional, das erlebe ich am Empfangsschalter immer wieder. Darum lerne ich Spanisch.

Manchmal kommt es mir Spanisch vor, wenn Leute am Caritas-Schalter stehen und etwas von mir wissen wollen. Mit gutem Recht! Denn Spanisch beherrsche ich nicht. Aber auch dem Paar vis-à-vis von mir kommt es in diesem Moment Spanisch vor – obwohl dies ihre Muttersprache ist. Ich versuche nämlich gerade, den beiden in den mir geläufigen Fremdsprachen zu erklären, wie und wo sie Hilfe für ihr Anliegen bekommen. Doch es kommt bis zum Letzten, nämlich dazu, dass wir uns in keiner Art und Weise verständigen können.

Rettender Engel
Wie immer in solchen Fällen, gefriert auch diesmal das emotionale Klima. Das Paar fühlt sich unverstanden und abgewiesen. Ich selbst fühle mich ohnmächtig und im luftleeren Raum. Und ich tue, was ich in solchen Situationen immer tue: Zum Telefonhörer greifen und die Rettung aus dem Sprach-Dilemma rufen. Ich flehe Trudy, die Sekretärin der Abteilung Sozialberatung, an, schnurstracks herunterzukommen und sich den Spaniern anzunehmen. Trudy hat nämlich nicht nur ein grosses Herz – es ist dazu noch eines, das in einer schweizerisch-argentinischen Brust schlägt. Trudy spricht Spanisch!

Rührende Szenen
Was danach geschieht, spielt sich immer nach folgendem Schema ab: Trudy kommt schwungvoll zur Tür herein und ruft „Hola!“ (Hallo) und „En que le puedo ayudar?“ (Wie kann ich Ihnen helfen?). Schon begrüssen sich die Spanisch sprechenden Hilfesuchenden und unsere Sekretärin wie alte Schulfreunde. Es wird gelacht und geredet, um ein Haar fallen sich alle Beteiligten in die Arme. Auch bei diesem Paar ist die Freude gross, ihr Herz in der Muttersprache erleichtern zu können. Wie immer hört Trudy geduldig zu, erklärt, gibt Tipps und versorgt die beiden mit den richtigen Adressen. Am Schluss folgt ein herzliches „Adios“ mit den besten Wünschen in beide Richtungen, sowie das tröstende Angebot von Trudy, einfach wieder nach ihr zu fragen, falls Probleme auftauchen. Und jedes Mal werde auch ich zum Schluss mit einem strahlenden Lächeln beschenkt. Ich lächle ebenso strahlend zurück. Diesmal haben wir uns verstanden – und zwar nonverbal.

PS: Aus dem kriselnden Spanien strömen derzeit viele Menschen in die Schweiz. Sie haben ihre Jobs und vielleicht sogar ihr Dach über dem Kopf verloren. Um sie besser beraten zu können, habe ich mit einem Spanischkurs begonnen. Denn ein Lächeln öffnet zwar die Herzen, reicht aber nicht, um den Menschen helfen zu können. Umgekehrt ist es für die Neuankömmlinge auch wichtig, unsere Sprache zu beherrschen. Denn nicht immer ist ein rettender Engel wie Trudy in der Nähe. Deshalb bietet Caritas schon seit vielen Jahren Deutschkurse an. So günstig wie sonst nirgendwo.

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