Stecken geblieben

Die Diskussion um die Zuwanderung sei in der Vergangenheit stecken geblieben, sagt der Berner Hasim Sancar. Jetzt fordert er neue Impulse.

Obwohl die Schweiz immer von Einwanderern profitierte, hat sie Migration demokratiepolitisch selten als Chance wahrgenommen. Unser System wurde nicht weiterentwickelt. Zugewanderte können zum Beispiel noch immer nicht an Wahlen und Abstimmungen teilnehmen. Nein, ganz im Gegenteil, mit demokratischen Rechten geht die Schweiz sehr restriktiv um. Das erstaunt nicht, denn auch das Stimm- und Wahlrecht für Frauen wurde ja erst 1971 eingeführt. Dennoch scheint es schon fast absurd, wie die Schweiz trotz ihrem Anspruch, eine moderne Gesellschaft zu sein, bei der Diskussion um die Zuwanderung in der Vergangenheit stecken bleibt.

Oft diskriminiert
Migrantinnen und Migranten fühlen sich ausgegrenzt. Die Ausschlussmechanismen verunmöglichen ein Gefühl der Zugehörigkeit. Ohne ist es jedoch schwierig, Verantwortung für die Entwicklung der Gesellschaft zu übernehmen. Wir haben in der Schweiz noch keine Ghettos wie in London oder Paris. Doch auch bei uns werden Migrantinnen und Migranten auf dem Wohnungsmarkt diskriminiert. Viele können sich aus finanziellen Gründen nur billige Wohnungen leisten, wo die Lebensqualität gering bleibt. Also wohnen sie in schimmligen Räumen, an abgasbelasteten Hauptstrassen oder entlang von Zuggleisen. Lärm und Feinstaub machen krank, das ist kein Geheimnis. Es ist auch kein Geheimnis, dass viele Migrantinnen und Migranten Working poor sind, obwohl sie weit über acht Stunden täglich, oft mit mehreren Jobs, ihr Einkommen erwirtschaften. Denn auch auf dem Arbeitsmarkt werden sie diskriminiert.

Zwei Extreme
Ihre Situation heute zeigt zwei Extreme: Einerseits die hochqualifizierten Arbeitskräfte und Spezialistinnen in der Finanz- und IT-Branche, andererseits die Arbeiterinnen und Arbeiter, welche die schweren, unterbezahlten und unqualifizierten Tätigkeiten verrichten. Zum Beispiel in den Bereichen Konstruktion, Gastgewerbe, Reinigung und Pflege. Dennoch stehen die Migrantinnen und Migranten in der Öffentlichkeit unter Dauerbeschuss. Die Vorwürfe, sie würden sich nicht integrieren und von unseren Sozialwerken profitieren, sind laut. Doch das Gegenteil ist der Fall: Der grösste Teil der Migrationsbevölkerung ist im produktiven Alter. Sie finanziert mit ihren Beiträgen einen Viertel unserer Sozialwerke, bezieht aber gleichzeitig nur 14 Prozent der Leistungen.

Gleiche Rechte für alle
Migrationsprozesse sind komplex. Es braucht einen sorgfältigen Umgang aller Beteiligten mit dieser Tatsache – nicht Ausschaffungsinitiativen. Es ist wichtig, dass im Umgang mit Migration Chancen wahrgenommen werden. Dies ist aber nur möglich, wenn für Migrantinnen und Migranten die gleichen Rechte gelten, wie für alle. Die Schweiz hat die Pflicht, Möglichkeiten zur Partizipation bereitzustellen, Räume zu öffnen, damit sich die Zugewanderten an den gesellschaftlichen Geschehnissen und Prozessen beteiligen können. Die Zugewanderten ihrerseits sollen sich individuell und ohne Ausreden für mehr Teilnahme und Teilhabe einsetzen und ihre Rechte wahrnehmen, auch wenn diese vorläufig eingeschränkt sind.

Text: Hasim Sancar, Illustration: Samuel Jordi

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