Turbulente Zeiten

Meine Tochter will ausziehen. Solche Veränderungen und Turbulenzen gehören zum Leben. Entscheidend ist, wie ich damit umgehe – und welche Ressourcen ich dazu zur Verfügung habe.

Was sich erfreulich und beschwingt anhört, ist eine Herausforderung, die mich an meine Grenzen bringt, schlaflose Nächte auslöst: Meine Tochter, in Kürze 19 Jahre alt, hat das Gymnasium abgeschlossen und die Matura gemacht. Wow! Ich freue mich darüber und bin stolz auf sie. Nun will sie arbeiten, Geld verdienen und ausziehen. Das Studium beginnt nächstes Jahr. Über Freunde (nochmals wow: Sie ist  gut vernetzt, was ich von mir nicht behaupten kann) hat sie einen Job in einer Bank gefunden. Nach zwei Vorstellungsgesprächen mit drei zukünftigen Vorgesetzten hat sie den Arbeitsvertrag. Und eine Wohnung ist ebenfalls in Aussicht, zusammen mit einer Freundin. Schön!

Für uns alle stellt sich die Frage: «Wie geht es weiter?»
Der anstrengende Teil, derjenige, der Stress verursacht, ist folgender: Später als üblich, nämlich nach ihrem 18. Geburtstag, wurde meiner Tochter eine eigene Sozialarbeiterin zugeteilt. Das bedeutet für uns, alle Papiere in dreifacher Ausführung vor- und abzulegen. Für meine Sozialarbeiterin, für diejenige von der Alimentenbevorschussung und dann auch noch für diejenige meiner Tochter – glauben Sie mir: Das ist eine Menge Arbeit. Viel schreiben, kopieren, telefonieren, unnötige Gänge zum Amt. Neue Formulare ausfüllen, ob deren Komplexität selbst die Sozialarbeitenden an ihre Grenzen stossen. Dazu kommen die Haushaltarbeit und meine drei Tage Arbeit ausser Haus.

Will man von einer 19-Jährigen erwarten, dass sie alles im Griff hat und weiss, wie der Hase läuft?
Die amtlichen Mühlen mahlen zuweilen langsam und manchmal gar nicht: Wenn die Sozialarbeiterin vergisst, den Anteil Miete und Lebensunterhalt, der meiner Tochter zusteht, zu überweisen, gibt das Ende Monat ein Desaster. Ein Viertel der Monatsmiete fehlt, und ebenso viel vom Lebensunterhalt. Wie soll ich die Miete bezahlen? Die Bank hat keine Antwort darauf, der Dauerauftrag läuft. So bitte ich die einzige Person, die ich fragen kann, mir das Geld für die Miete vorzuschiessen…

Wir leben in Unruhe und Anspannung
Bleibt die Tochter zu Hause, bin ich abhängig davon, dass sie mir die Miete pünktlich überweist. Egal, ob sie das Geld vom Amt bekommt oder bald selbst verdient. Zieht sie aus, ist unsere Wohnung unterbelegt und wir müssen uns nach einer kleineren umsehen. Das löst bei meinen beiden Jüngsten – wie auch bei mir – Ängste aus: Wie, wann und wo finden wir eine neue Wohnung? Wer wird uns beim Umzug helfen? Wie lange dauert es noch, bis ich endlich genug verdiene, um mich vom Sozialamt abzulösen? Die einzige Ressource, die ich zur Verfügung habe, ist die Zuversicht, dass es irgendwie weitergeht, wir Lösungen finden, und irgendwann wieder ein heller Streifen am Horizont erscheint.

(Bild einer anderen Person verwendet)

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