Von Artikel-Willkür und gelebter Integration

Gelebte Integration – Was dies bedeutet, erfährt unser Praktikant Fabian während einem Besuch in einem Caritas-Deutschkurs. Schwer beeindruckt kehrt er zurück in seinen Alltag.

Pünktlich zum Wintereinbruch durfte ich im Zuge meines Praktikums einen Deutschkurs der Caritas Zürich besuchen. Mich erwarteten zwei motivierte Lehrerinnen, die Migrantinnen und Migranten ehrenamtlich die deutsche Sprache vermitteln. Elisabeth, pensionierte Gymnasiallehrerin aus Zürich, empfing mich in der Interkulturellen Bibliothek am Fusse der Hardhochhäuser zusammen mit ihrer Kollegin Madeleine, einer ehemaligen UBS-Mitarbeiterin.

Rücksichtsvoller Umgang trotz Kommunikationsbarrieren

In der vom Tageslicht gefluteten Bibliothek setzten wir uns, umgeben von albanischer und türkischer Literatur, an einen grossen Tisch. Mit von der Partie waren Frauen und Männer unterschiedlichster Herkunft und aus verschiedenen Altersklassen – von der weit über achtzigjährigen Chilenin bis hin zum jungen Mann aus der Dominikanischen Republik. Die heterogene Gruppe harmonierte und die Teilnehmenden pflegten trotz zahlreicher Kommunikationsbarrieren einen rücksichtsvollen Umgang. Nach einer kurzen Vorstellungsrunde ging es für die Sprachneulinge ans Eingemachte. Verschiedene Gegenstände aus dem Alltag wurden unter die Lupe genommen: die Mappe, der Radiergummi, die Tasche – «Warum Tasche, nicht Mappe? Und warum DER Radiergummi?», fragte Raoul, der seit vier Jahren in der Schweiz lebt, mit einem Grinsen im Gesicht. Ein Raunen flog durch die Runde. Die Teilnehmenden am A1-Sprachkurs fühlen sich nicht zum ersten Mal, wie mir die stets lächelnde tamilische Frau nebenan verriet, der deutschen Artikel-Willkür hilflos ausgeliefert. Die Antwort der Lehrerin war ernüchternd: «Es ist gibt keine Regel für die Artikel. Es ist einfach so!» Raoul kratzte sich an seinem tätowierten Arm und seufzte.

Das URAT-Deutschkursangebot (urat stammt aus dem Albanischen und bedeutet «Brücke») der Caritas Zürich hilft Menschen unabhängig ihrer Herkunft die deutsche Sprache zu erlernen. Die Kurse ermöglichen den Teilnehmenden für wenig Geld den Zugang zur Sprache (20.- pro Quartal). Sie sind durchwegs gut besucht.

Bewundernswerte Motivation im hohen Alter

Die Atmosphäre war erstaunlich: Menschen unterschiedlichster Couleur arbeiten Hand in Hand friedlich und respektvoll für ein gemeinsames Ziel. Sie alle wollen ihr Leben in der Schweiz vereinfachen und von den Menschen dieses Landes verstanden werden. Das Bedürfnis zu lernen und sich zu entwickeln, brachte die Grossmutter aus Chile bewundernswert zum Ausdruck. Trotz ihres hohen Alters und einer bewegten Vergangenheit besucht sie motiviert, diszipliniert und vorbereitet den Kurs. Sie erledigt ihre Hausaufgaben mit Sorgfalt, gibt Antworten auf die gestellten Fragen und bringt die Anwesenden mit ihrer feinen Art zum Lächeln.

Nach eineinhalb Stunden teilte die Lehrerin auf Papierstreifen die Hausaufgaben aus und ermahnte alle zu Pünktlichkeit. Ich für meinen Teil war um die Erfahrung, was gelebte Integration bedeutet, reicher. Das Engagement, das Caritas Zürich und unzählige Freiwillige in der Schweiz tagtäglich hervorbringen, ist eine gewaltige Leistung. Schwer beindruckt verliess ich zufrieden und motiviert die Bibliothek und trat den Sonnenstrahlen entgegen.

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Autor: Fabian Takacs, er arbeitete bei Caritas Zürich von Oktober 2014 bis und mit Januar 2015.

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