Was braucht man eigentlich?

Ich habe es endlich bemerkt. Natürlich bin ich in den letzten Wochen mehrmals vorbeigegangen. Aber jedesmal schnell, daran denkend, was ich noch alles erledigen muss.

Oder langsam, am Sonntag, an nichts denkend. Mit dem Gefühl, es ist angenehm warm, man spürt den Frühling.

Heute war es anders. Mein Blick hat sich verirrt und die Glasvitrine ins Visier genommen. Das Geschäft wird renoviert, der Ausverkauf war unübersehbar angekündigt. Rote und gelbe Preisschilder mit Preisangaben, die durchgestrichen waren und darunter sich siegesbewusst die neuen Preise präsentierten. Das war auch für mich, ansonsten mir meiner finanziellen Situation bewusst, zu viel.

Das Juweliergeschäft hatte auf mich eine unwiderstehliche Wirkung, ich wurde von der Vorstellung, ein Schmuckstück zum halben Preis zu ergattern, regelrecht angezogen. Wie im Traum bin ich eingetreten. Ich liess mir einige Ringe in der niedrigsten Preisklasse zeigen. Silberne, mit funkelnden Edelsteinimitationen. Zwei würden zu meinem Gold aus besseren Zeiten gut passen … Soll ich, soll ich nicht …

Ich war allein, hatte auch keine Blume zur Hilfe dabei. Sehr wohl wissend, dass ich rhodinierte Silberringe mit Zirkonia nicht zum täglichen Leben brauche, habe ich mich entschlossen, beide zu kaufen!

Ich wusste, dass ich etwas getan habe, dass unvernünftig und unnötig war. Im Herzen hat es mich aber gefreut, meiner Seele hat es gut getan und ich hätte am liebsten laut gelacht. Nur wo bekomme ich die passenden Ohrringe?

***

Autorin: Tamara K.

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