Wohnen in der Schmuddel-Liegenschaft

Schimmlige Wände, dunkle Zimmer, kaputte WCs und Duschen. Wer arm ist, wohnt oft in äusserst prekären Wohnverhältnissen. Das ist nicht erst seit letzter Woche so, sondern war schon immer so. Was ein Leben in einer Schmuddel-Liegenschaft bedeutet, erzählt die Tochter unserer Klientin R.C.

Mit einem riesigen Polizeiaufgebot hat die Stadt Zürich letzte Woche den Tatbeweis geliefert: Miserable Wohnungen zu überteuerten Preisen werden nicht toleriert. Die zuständigen Vermieter wurden verhaftet. Der Zufall will es, dass vor einigen Wochen R.C. bei Caritas Zürich angerufen hat. Sie wohnt mit ihrer Familie in einer der dieser Schmuddel-Liegenschaften.

Dreckig, gefährlich, zu eng

Die Familie von R.C. (Eltern, 14-jährige Tochter und 3-monatiger Bruder) wohnt in einer 1-Zimmerwohnung. Sie bezahlen dafür Fr. 1300.-. Die Tochter Leila* gab mir Auskunft über die Situation.

Cordula Bieri: Was ist das Schlimmste an eurer Wohnung?

Leila*: Der Korridor ist immer sehr schmutzig, voller Abfall, es stinkt, Drogenmüll liegt herum. Zudem ist es sehr laut und es gibt viele Betrunkene. 2-3 Mal im Monat geht das Heisswasser in der Wohnung nicht und deshalb funktioniert dann die Heizung auch nicht. Wir melden die Defekte zwar dem Abwart, aber der unternimmt nichts. Die Miete müssen wir ihm bezahlen, in bar. Er gibt das Geld dann dem Vermieter weiter. Mein kleiner Bruder ist immer krank, weil es zu eng ist. Und er kann wegen dem Lärm nicht schlafen. Die Kellerabteile werden ebenfalls zum Wohnen vermietet. Das heisst, das Haus ist übervoll, es gibt keinen Stauraum und der Vermieter macht zusätzlich Geld.

C.B.: Wie hast du die Verhaftungen erlebt?

Leila*: Ich war bereits auf dem Weg zur Schule, als die Polizei kam. Alle bereits Befragten wurden mit einem Armband gekennzeichnet. Ich wurde deshalb am Nachmittag noch befragt. Die Polizei machte Fotos, vor allem von der Küche und dem Bad, und vermass die ganze Wohnung. Sie fragten, welche Probleme wir im Haus haben. Warum die Polizei hier war, wusste ich nicht. Denn die Polizei ist häufig im Haus. Sie führen viele Personenkontrollen durch, auch wegen Drogen und Prostitution.

C.B.: Denkst du, dass sich etwas ändern wird?

Leila*: Ich glaube nicht. Denn das Haus wird im Dezember 2016 abgerissen. Ich hoffe einfach fest, dass wir eine neue Wohnung finden. Wir haben uns schon für sehr viele Wohnungen beworben, aber wir bekommen immer nur Absagen. Denn die Wohnungen, die für uns preislich in Frage kommen, werden immer von sehr vielen Leuten besichtigt.

Von der Bruchbude auf die Strasse?

Beunruhigend ist was mit den Mietenden nun passieren wird. Die Alternativen auf dem Zürcher Wohnungsmarkt wird es nicht plötzlich geben. Und bald werden sie wohl ausziehen müssen. Der Eigentümer hat bereits angetönt, dass die Wohnungen nicht sanft renoviert, sondern totalsaniert werden. Das heisst, dass die Preise massiv steigen werden und sich die bisherigen Mietenden die neuen Mieten nicht mehr leisten können. Wohin werden Sie gehen?

Die Stadt Zürich ist nun gefordert!

Bei den Sozialhilfebeziehenden steht die Stadt Zürich in der Pflicht, zu schauen, dass diese nicht auf der Strasse landen. Doch was passiert mit den vielen Working Poor-Familien, die keine Unterstützung haben? Gerade für sie würde es sich lohnen mithilfe des Mietrechts gegen den Vermieter vorzugehen, doch von wem kriegen sie Unterstützung?

Erfolgreiche Wohnungsvermittlung von Caritas Zürich

Im Projekt WohnFit von Caritas Zürich helfen Freiwillige Familien mit wenig Geld eine passende Wohnung zu finden. Diese Woche durften wir unseren zweiten Erfolg verbuchen und einer Familie eine Wohnung vermitteln.
Trotzdem suchen wir noch immer Freiwillige, die uns unterstützen!
» Mehr zum Projekt

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* Aus Gründen des Personenschutzes wurde der Name geändert. Caritas Zürich ist er bekannt.

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1 Kommentar

  • Reply gabriela pereira 3. Dezember 2015 at 5:33

    Liebe Cordula; du berichtest, was ich befürchtete. Mir scheint, dass alles. was dann doch endlich über materielle Armut von Menschen herausgefunden, gezeigt wird, wieder bei den Betroffenen landet, sie noch mehr an den Rand drängt. Deshalb meine Frage: Wieviel günstiger Wohnraum wurde die letzten 20 Jahre in der Schweiz vernichtet? Zürich muss sich fragen, ob sie die Stadt mit ihren Bewohnern gestalten möchte, oder ob sie, sehr gezielt, weiterhin nur für ein Bevölkerungssegment Wohnraum erhalten, schaffen will, also, wiederum sehr gezielt, gewisse Menschen vertreiben will. Und das müsste sich also auch die Schweiz fragen. Oder anders gefragt: Fühlt sich unser Land den Menschenrechten verpflichtet oder nicht, denn Lebensraum, Privatsphäre, Teilnahme wären ja eigentlich Menschenrechte, nicht wahr? Herzlich, Gabriela

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