Überwachung durch Sozialdetektive: Ergreifen wir das Referendum

Soziale Detektive?

Beim Verfolgen der Nachrichten fällt mir auf, dass die Zukunft der Sozialwerke mehrheitlich von Menschen diskutiert wird, die diese nie brauchen werden: Politiker/innen im Nebenamt, die gleichzeitig Firmenbesitzer, Direktoren und Verwaltungsräte sind. Nun, da leuchtet es ein, dass man bei den Ärmeren sparen will, wie das bei dem Deal um AHV und Lohngleichheit der Fall ist.

Stasi mit Swissness?

Neu sollen über 50-jährige nicht mehr zum Sozialamt, sondern bei der Arbeitslosenversicherung bleiben dürfen. Netter Versuch! Versicherungs-Ping-Pong ist seit längerer Zeit ein Beamten-Sport. Gleichzeitig sollen wir – nein, nicht irgendwer, WIR! – totalüberwacht werden. Hosen runter und an den Pranger auf dem Dorfplatz!

Zugegeben: Auf unseren Strassen gibt es willkürliche Kontrollen bezüglich Fahrzeugausweis, Führerschein und allenfalls Alkoholeinfluss, Reifenzustand. Aber die treffen auch den Fahrer eines Porsche Cayenne. Die Sozialdetektive würden wohl kaum willkürlich einen Nationalrat oder einen CEO observieren oder detaillierte Unterlagen zu Einkünften, Lobbyverknüpfungen und Freizeitverhalten verlangen. Nicht ohne einen konkreten Anlass und selbst dann erst nach richterlichem Beschluss.

Nicht alle besser Betuchten mögen Steuerhinterzieher sein und nicht alle Bundespolitiker korrupt. Weshalb gehen ebendiese denn dann davon aus, dass alle Sozialhilfebezüger oder Arbeitslosen Schmarotzer und Betrüger sind? In Rekordzeit wurde das Sozialdetektive-Gesetz abgesegnet.

Abgesägt und liegengelassen

Wer den Job verliert, ist entwurzelt. Wer ausgesteuert wird, fühlt sich abgesägt! Niemand sucht dieses Gefühl zum Vergnügen. Entschuldigung, fast niemand: etwa einmal im Jahr liest man über so einen Fall. Und der wäre strafrechtlich aufzudecken, ganz ohne Schlammschlacht und Spitzelstaat. Die Tränen der von Schikanen Betroffenen trocknen jedoch langsam. Die Schande klebt wie Harz. Nicht alle schaffen den Weg zurück ins Leben.

In welcher Region besonders viele Menschen ausgesteuert werden, scheint ein Muster zu haben. In Genf, Jura, Waadt und Tessin sind es am meisten (siehe Infografik). Das hat weder mit dem Klima zu tun, noch mit regional grösserer Faulheit. Nein! Es hat ausschliesslich mit der Schweizer Wirtschaft zu tun: Zigtausende von billig arbeitenden Grenzgängern, die eben nicht täglich bis in die Zentralschweiz reisen, lösen Einheimische (mit oder ohne Schweizer Pass) ab auf dem Arbeitsmarkt. Stellenverlust und der langfristige Weg in die Sozialhilfe sind entsprechend auch Folgen der Globalisierung. Kein Mensch soll deshalb pauschal vorverurteilt werden! Ihnen muss geholfen werden.

Ergreifen wir das Referendum!

Haben wir überhaupt genug hochqualifizierte Versicherungsdetektive in der Schweiz, um all die – nach Ansicht des Parlaments selbstverschuldeten – Arbeitslosen zu kontrollieren? Oder sollen wir da Fachleute importieren aus Ländern, die mehr Erfahrung haben mit der Missachtung der Privatsphäre? China, Ex-DDR, Russland? Nein! Das sollten wir nicht schlucken. Es könnte Nervengift enthalten!

Und was glauben Sie? Ist Ihre Wohnung aufgeräumt genug für unangemeldeten Besuch?

Caritas Zürich unterstützt das Referendum gegen die erweiterte Überwachung von Sozialversicherungsbeziehenden. » Stellungnahme

Auf der Webseite von WeCollect können Sie das Referendum online ausfüllen, ausdrucken und per Post dem Komitee schicken. » Online unterschreiben

Auch die klassischen Unterschriftenbogen stehen zum Ausdrucken zur Verfügung. » Unterschriftenbogen herunterladen

ähnliche Artikel

3 Kommentare

  • Reply Roberto Saliere 27. April 2018 at 15:33

    Sehr interessanter Beitrag Herr Hugentobler

    Aber ein wenig mehr Sachlichkeit wäre hier nützlich in einem solchen Forum.

    Soziale Detektive finde ich eine tolle Idee. Warum nicht. Es minimiert the Prozentzahl der schwarzen Schafe und die anderen Sozialempfänger betrifft es nicht.
    Auch Polemik wie oben das Wort Stasi zu nutzen ist einer sachlichen Diskussion nicht dienlich
    Sie schreiben:
    „Haben wir überhaupt genug hochqualifizierte Versicherungsdetektive in der Schweiz, um all die – nach Ansicht des Parlaments selbstverschuldeten – Arbeitslosen zu kontrollieren? Oder sollen wir da Fachleute importieren aus Ländern, die mehr Erfahrung haben mit der Missachtung der Privatsphäre? China, Ex-DDR, Russland? Nein! Das sollten wir nicht schlucken. Es könnte Nervengift enthalten!“

    Sowas wie oben sagt wenig aus – Schaumschlägerei – aber lenkt von der Wichtigkeit dieses Themas ab. Sie können dies („…nach Ansicht des Parlaments…“), kaum mit Fakten dokumentieren.
    Die Diskussion ob wir sozial Detektive brauchen oder nicht ist sehr wichtig. Wenn wir diese Detektive bekommen, muss genau definiert werden, wann, wo und wie diese ihre Arbeiten machen dürfen.

    Aber dieser Beitrag wurde wohl von President Trump inspiriert, Fake News, Diskussion anheizen, Verwirrung stiften….
    PEINLICH.
    Ich hoffe nächstes Mal nicht mehr so. Ich erwarte im Caritas Blog Substanz, Fakten und Daten, aber nicht polemischen Leerlauf bitte. Dies ist dieser wichtigen Sache nicht dienlich. Beschämend.

    Freundlichst
    Roberto

  • Reply Sophie Fürst 27. April 2018 at 17:42

    Sehr geehrter Herr Saliere

    Besten Dank für Ihren Kommentar und Ihr Interesse an unserem Blog. Gerne möchte ich als Blog-Verantwortliche bei Caritas Zürich antworten und auf Ihre Kritik eingehen.

    Jürg Hugentobler schreibt, wie er aus seiner Perspektive die Debatte in den letzten Monaten erlebt hat. Natürlich fliesst dabei sehr viel der eigenen Geschichte und der eigenen Meinung in den Text. Es ist uns aber ein Anliegen, dass auch betroffene Menschen im Züriblog zu Wort kommen. Ihre Meinungen werden bewusst nicht beschönigt und/oder umgeschrieben. Die Texte dürfen auch mal polemischer, kontroverser und kritischer sein als es die allgemeine Kommunikation von Caritas Zürich ist.

    Sie mögen Recht haben, dass die Polemik von der Wichtigkeit dieses Themas ablenkt. Doch Sozialversicherte standen in den letzten Monaten einem öffentlichen Misstrauensdiskurs gegenüber, in dem ihre Stimme kaum Gehör fand.

    Sozialversicherungsbetrug ist ein Delikt, das ist keine Frage. Doch ist es angebracht, bereits schlechter gestellte Mitbürger/innen unter Generalverdacht zu stellen? Ihre Privatsphäre sollte gleich viel wert sein, wie die Privatsphäre anderer. Bei anderen Delikten geht die Polizei bzw. die Justiz dem Verdacht nach.

    Warum nicht auch weiterhin in diesen Fällen? Um aufzuzeigen, was es heisst, diesen Misstrauensdiskurs «ertragen» zu müssen, waren wir mit dem Beitrag von Jürg Hugentobler einverstanden, damit er auch eine persönliche Perspektive in den Diskurs einbringen kann.

  • Reply Vreni Ke. 14. Juli 2018 at 18:38

    Überwachungen JA, private Sozialdetektive NEIN … Überwachungen müssen Sache rechtsstaatlicher Organe sein !

    Die Mobiliar betont in ihren Aussagen & Interviews immer wieder, dass sie nur mit Ex-Polizisten und seriösen Spezialisten arbeitet.

    Viel Lug & Trug !
    Die Wahrheit ist, dass Versicherer, insbesondere Privatversicherer systematisch fremde, unbeteiligte, falsche Personen
    im In- und Ausland mitüberwacht, gezielt Intims/Privatsphäre/Persönlichkeitsrechte und Datenschutz dieser Personen und der eigentlich zu überwachenden Person verletzt. Unter Generalverdacht gestellt wird sehr oft unbegründet und ergebnislos ausspioniert.

    Ausspionierte werden i.d.R. über die Überwachungen nicht informiert, wissen oft gar nicht, dass sie, Familienmitglieder und Freunde heimlich beobachtet wurden.

    Entschädigungen, welche zu Recht von den Betroffenen eingeklagt werden, werden nicht geleistet und/oder es wird auf Zeit gespielt. Als wäre das nicht schon genug grenzt das heimliche Beobachten von Frauen, insbesondere im Privatraum durch männliche Detektive an Voyerismus, Stalking & sexuelle Belästigung.

    Ein weiteres Argument warum Überwachen unbedingt in rechtstaatliche Hände gehört. Diese haben Mitarbeiter/innen, welche gleichgeschlechtlich eingesetzt werden können. Nicht wenige werden durch Überwachungen krank, werden traumatisiert, leiden u.a. unter Überwachungsdruck.

    Ja liebe Leser, keine Einzelfälle sondern Realität im Schweizer Versicherungs-Überwachungsgeschäft … eben nur der breiten Bevölkerung nicht bekannt oder besser gesagt verschwiegen. Im Internet finden Sie dazu auch Beiträge der Rechtsanwälte Stolkin & Husmann, Zürich.

    Danke für’s Lesen … eine Betroffene!

  • Rückmeldung hinterlassen